Analyse zur Superzelle am 23.8.07 in Sachsen

 

Am 23.8.07 bildete sich gegen 11:30 Uhr über Südwestsachsen - genauer über dem Vogtland - im Rahmen eines nordwärts wandernden Gewitterclusters aus Bayern eine kräftige Gewitterzelle aus. Diese Gewitterzelle sollte in den kommenden 5 h das gesamte sächsische Erzgebirge und die Regionen um Bautzen und Niesky in Ostsachsen mit Wolkenbruch, Großhagel von 4-7 cm im Durchmesser und teils schweren Sturmböen beeinflussen. Betrachten wir nun diese Zelle in Hinblick auf Entstehung und Entwicklung genauer. Den reinen Bilderbericht zur Superzelle am 23.8.07 im Gebiet um Bernsbach und Grünhain gibt es hier.

 

Gehen wir erst einmal auf die Begrifflichkeit "Superzelle" allgemein ein, was braucht sie, welche Umgebung begünstigt deren Entwicklung.

 

Superzellen benötigen neben Hebung, Feuchte und Labilität (CAPE) noch hochreichende Windscherung (Bildung von Helizität) für ihre weitere Organisation. Dank der Windscherung erlangen diese Zellen eine Trennung zwischen Auf- und Abwindbereich, sodass die kalte Luft aus dem Abwind/Niederschlagsbereich den Aufwind nicht mehr unterwandert und abschneidet, was die Lebensdauer dieses Zelltypes gegenüber einer herkömmlichen Einzelzelle in scherungsarmer Umgebung deutlich erhöht. Dennoch kommt es auf die Stärke der Scherung an. Bei Scherung > 40 kn in 0-6 km Höhe ist selbst dann, wenn die anderen Werte wie CAPE nicht besonders hoch sind, die Organisation einer diskreten oder einzelnen Konvektion zur Superzelle gut möglich. Liegt die Scherung zwischen 20-30 kn, so kann bei ausreichend CAPE ebenso von einer superzellenfördernden Umgebung gesprochen werden. Ein eventueller Deckel (Inversionsschicht), insofern er nicht zu stark ist, fördert die Konvektion diskreter, einzelner Zellen, sodass sich gerade dort starke Superzellen entwickeln können, welche sich die umgebende, energiereiche Luftmasse nicht mit unnötig vielen anderen Zellen zu teilen brauchen. Ein Deckel kann im Tagesgang und Erwärmung der unteren Schichten oder durch Hebungsgebiete auch abgebaut/relativiert werden.

 

Es gibt 2 typische Arten von Scherung, welche sich in der Regel überlappen. Eine Variante ist die Geschwindigkeitsscherung. Hier findet keine direkte Drehung des Windvektors mit der Höhe statt, allerdings ändert sich dessen Betrag mit zunehmender Höhe. Schlicht ausgedrückt nimmt der Wind mit zunehmender Höhe ebenfalls zu. An den Flanken der Zelle, welche sich in der folgenden Darstellung in y-Richtung bewegt, befinden sich 2 gegenläufig rotierende Wirbel (vertikale Vorticity). Diese befinden sich allerdings außerhalb des Zellaufwindes (im Aufwind horizontale Drehung) und verstärken sich in der Regel auch nicht.

 

Allerdings ist die eben angesprochene Situation auch günstig für ein "Stormsplitting". Dazu führt eine Trennung des Aufwindsystems zur Entstehung zweier potenzieller Superzellen, wobei eine Mesozylone aus dem südlichen Wirbel und aufgrund des gegenläufigen Drehsinns des 2. Wirbels eine Mesoantizyklone entsteht. Beide wandern ebenso aufgrund des unterschiedlichen Drehsinns ihrer Aufwinde voneinander weg. Da in diesem Fall aufgrund der Geschwindigkeitsscherung (daraus resultiert ein eher geradliniger Hodograph) keine der entstehenden Mesozyklonen bevorzugt wird, können sich beide Systeme unabhängig voneinander weiterentwickeln, wobei die Mesozyklone rechts (Rightmover) und die Antimesozyklone links (Leftmover) ausschert. Allerdings ist die Lebensdauer des Leftmovers in der Regel nicht von so langer Dauer wie die des Rightmovers, da die Antimesozyklone in ihren eigenen Abwind hineinwandert. Dennoch sind bei beiden Systemen extreme Begleiterscheinungen zu erwarten. Durch das Ausscheren der Zellen kann also selbst bei reiner Geschwindigkeitsscherung die Helizität auch recht groß werden, was für den Aufbau einer/ der Mesozyklonen/en von Nöten ist.

 

Die nächste Situation stellt die Richtungsscherung dar, welche in der Regel auch mit einer Zunahme der Windgeschwindigkeit in der Höhe verbunden ist. Durch die Drehung des Windes erlangt ein aufsteigendes Luftpaket im Aufwind einer Konvektion eine zunehmend vertikale Rotationskomponente. Der Aufwind wird mehr und mehr in die Vertikale gekippt, sodass eine Organisation zur Superzelle wahrscheinlich wird. Je nachdem, in welche Richtung der Wind geschert wird, sind hier reine Left- oder Rightmoverbildungen möglich. In unseren Breiten tritt in der Regel die Richtungsscherung in Uhrzeigerrichtung auf, sodass die Rightmoverbildung favorisiert wird. Im Falle eines Stormsplittings würde sich auch nur der südliche Aufwind zur Superzelle verstärken, der Nördliche würde sich rasch abschwächen...

 

Nachdem wir nun allgemein die Zutaten und Entwicklungsmöglichkeiten geklärt haben, sollen einige kurze Aspekte der Sondenaufstiege vom 23.8.07 folgen, um die Situation im Hinblick auf die gerade betrachteten Aspekte zu beleuchten. Direkt aus Sachsen war leider kein Sounding zu finden, sodass nur auf Aufstiege aus Bayern, Brandenburg oder Tschechien zurück gegriffen werden konnte.

 

Nordostbayern: Kümmersbruck

 

Auffallend war hier eine Drehung des Windes von Nord aus Südwest, wobei nur geringe CAPE vorlagt mit 16,16 J/kg. Zugleich war hier der Deckel recht stark ausgeprägt (CINS bei -168).

 

Brandenburg: Lindenberg

 

Hier wurde eine schöne Rechtsdrehung des Windes deutlich, CAPE bei ausreichend 844 J/kg, dazu geringe Deckelung (CINS bei -3,84).

 

Allgemein war die hochreichende Scherung bei der Station Lindenberg aber wesentlich geringer als in Nordostbayern. Während Richtung Westen im zu betrachtenden Gebiet in Sachsen die Windscherung zu zunehmen schien, waren die konvektiven Werte wie CAPE Richtung Osten deutlich besser. Insgesamt war jedoch eine Rechtsdrehung des Windes mit der Höhe maßgebend, wobei die Geschwindigkeitsscherung in Nordbayern günstiger, die Richtungsscherung eher Richtung Ostsachsen/Ostbrandenburg markanter war. Die Möglichkeit von superzellulären Gewittern war also bei entsprechender Auslöse durchaus gegeben.

 

Mit dem Gewittersystem, welches Richtung Thüringen zog, reaktivierte sich der südöstliche Teil bei der Überquerung des Erzgebirges erheblich. Erste neue Zellen über dem Vogtland erreichten bereits recht gute Organisation, Bowstrukturen wurden sichtbar. Mehr und mehr pflanzte sich die Konvektion ins Erzgebirge hinein, wobei durch die Nordwärtsverlagerung des Bodentiefs über Tschechien die Scherungsbedingung immer besser wurden. Sicherlich spielte auch die Orographie des Erzgebirges bei der nun folgenden Entwicklung eine entscheidende Rolle. Durch die Lage des Erzgebirges ist es durchaus denkbar - wobei auch eine vergleichsweise hohe Anzahl an Superzellen im Gegensatz zu anderen Regionen Deutschlands dafür spricht - dass gerade bei SW-Lagen begünstigende Scherungsbedingungen und natürlich orographisch bedingt auch Hebung getriggert wird, was die Entwicklungsmöglichkeiten für Gewitter und Superzellen allgemein verbessern.

 

So war es auch am Mittag des 23.8.07. Aus einer neuen Zelle, welche gegen 11:30 Uhr über der Grenze von Vogtland und dem Landkreis Aue-Schwarzenberg südlich von Schönheide entstand, erwuchs bis 11:45 Uhr eine sehr starke Zelle mit Reflektivitäten um 60 dBZ. Dieses System organisierte sich nun weiter, wobei von Bernsbach aus "laminare" Strukturen Richtung Südwesten sichtbar wurden. Zugleich begann eine Ausscherung Richtung Osten. Spätestens jetzt konnte man von einer sich aktivierenden Mesozyklone ausgehen.

 

Zu diesem Zeitpunkt konnte Daniel Bertram in Hirschfeld dieses imposante Foto aufnehmen. Es zeigt die gewaltige Aufwindzone der frisch entstandenen Superzelle. Vielen Dank an Daniel für das Foto...

 

Gegen 12:00 Uhr und 12:15 Uhr lag das System zwischen Aue und Sosa, wobei die maximale Reflektivität bei >63 dBZ lag (um Bockau).

 

 

Aufzug der Superzelle auf dem Radar vom DWD (© DWD)

 

Aufziehende Superzelle - von Bernsbach Richtung SW blickend...

 

Einzeichnung der markanten Strukturmerkmale der Zelle zu diesem Zeitpunkt

 

Neben der entstandenen Superzelle entwickelte sich südöstlich dieser Zelle eine weitere Neubildung. Diese wird im späteren Verlauf mit der Superzelle verschmelzen und einen weiteren Zyklus einleiten. Doch nun erst einmal zur Lage in Bernsbach. Der Hagelkern von 60-64 dBZ zog nun von Bockau über Bernsbach Richtung Grünhain hinweg. Von 12:10 Uhr bis 12:15 Uhr zog dieser Hagelschlot direkt über Bernsbach. Dort gab es nun Hagelschlag zwischen 1,5 - 3 cm im Durchmesser. Zudem gab es eine Sturzflut und Böen bis Bft. 10.

 

 

Hagelkern über Bernsbach - südöstlich ist eine weitere Neubildung erkennbar (© DWD)

 

 

 

 

 

Hagel, meist zwischen 1,5 - 2,5 cm Durchmesser im östlichen Bernsbach, teils schon angetaut durch den starken Regen

 

Einige Körner waren sogar noch etwas größer...

 

Im Folgenden soll auf besondere Stationen der Superzelle auf ihrem Weg Richtung Osten eingegangen werden. Als nächstes betrachten wir den Nachbarort von Bernsbach  - Grünhain. Der sehr begrenzte Starkhagelbereich beeinflusste hier vor allem den Westteil des Ortes bzw. die Verbindungsstrecke zwischen Bernsbach und Grünhain nordwestlich des Spiegelwaldes. Während im Ostteil bzw. direkt im Ort nur Starkregen und kleiner Hagel herab kam, fielen im zuvor genannten Gebiet auf einer Breite von etwa 1-2 km Körner zwischen 3 und 4 cm im Durchmesser. Der dortige Hagelschlag war verbunden mit schwerem Sturm und heftigem Starkregen. Es gab in dem genannten Gebiet erhebliche Vegetationsschäden und zahlreiche Dellen an Fahrzeugen, Gewächshäuser einer nahen Gartensiedlung wurden beschädigt. Ansonsten hielten sich die Schäden aber noch in Grenzen, da der große Hagel in kaum oder nicht besiedelter, wäldlicher Region fiel.

 

Hagelkern über Grünhain - Verschmelzung mit der neuen Konvektion (© DWD)

 

 

 

 

 

 

 

Hagel von 3-4 cm im Durchmesser in Grünhain

 

Auf der Grünhainer Straße Richtung Zwönitz konnte sich sogar eine Hageldecke von bis zu 10 cm ausbilden, die maximale Körnung lag hier bei 2-2,5 cm. Der Verkehr kam dort wegen Straßenglätte zum erliegen...

 

Als Nächstes betrachten wir im Laufe des nächsten Zyklus den Einfluss der Superzelle auf die Stadt Ehrenfriedersdorf im Landkreis Annaberg. Dort gab es mit die größten Schäden durch das Unwetter. Während in Geyer Hagel bis 4 cm gemeldet wurde, sollen im Waldgebiet südwestlich von Ehrenfriedersdorf Hagelschlossen bis 7 cm im Durchmesser herab gekommen sein. Im übrigen Ort variierte der Hagel zwischen 2 und 5 cm im Durchmesser. Der größte Hagel verfehlte den Ort also glücklicherweise südlich. Dennoch gab es größere Hagelschäden an Fahrzeugen, laut Aussagen eines Bewohners wies ein Gutachten einen Hagelschaden von ca. 1600 Euro an seinem Fahrzeug nach, in welchem ca. 50 Dellen auffindbar waren. Auch viele andere Anwohner teilten dieses Schicksal. Ebenso wurden dort viele Plastikgartenmöbel oder Gewächshausgläser zerschlagen...

 

Problematischer war in Ehrenfriedersdorf und in dem nahegelegenen Ort Venusberg jedoch die markante Sturzflut (Dauer etwa 15 Minuten)! Da vor allem die Felder östlich von Ehrenfriedersdorf und bei Venusberg frisch gepflügt waren, gab es hier mehrere gewaltige Schlammlawinen. 

 

Zunächst wieder die Radarbilder des hochauflösenden IRAS-Radars vom DWD. Mit dem neuen Zyklus gab es nun auch mehr und mehr deutliche Hook-Echo-Strukturen. Diese deuten auf starke Rotation des Gewitteraufwindes hin, wodurch der Niederschlag hakenförmig aus dem Abwind, genauer dem FFD, getragen wird. Zugleich gab es in diesem Bereich einen Tornadoverdachtsfall, wobei jedoch anscheinend keine Schäden verursacht wurden (was bei den vielen Feldern dort gut möglich ist). Mehrere Augenzeugen bestätigten einen rotierenden, weit herabreichenden "Schlauch".

 

Superzelle über Geyer - Ehrenfriedersdorf, auf dem letzten Bild ist zunehmend ein Hook erkennbar (© DWD)

 

Das folgende Bilder wurde mir freundlicherweise von der Stadtverwaltung Ehrenfriedersdorf zur Verfügung gestellt, nochmals herzlichen Dank dafür.

 

Größte Schlammlawine in Ehrenfriedersdorf - man beachte die mitgeschwemmten Strohballen (Quelle: Stadt Ehrenfriedersdorf)

 

Vom ausgespülten Schlamm ebenso betroffen: Einkaufsmarkt in Ehrenfriedersdorf

 

Die Schäden in den Orten Ehrenfriedersdorf und Venusberg waren erheblich, Keller liefen verbreitet voll, die Feuerwehren aus Ehrenfriedersdorf und Venusberg sowie mehreren Nachbarorten wie Scharfenstein waren laut Medien gut 24 h im Einsatz. Zudem wurde das THW angefordert, um die Anzahl der nötigen Aufräumarbeiten bewältigen zu können. Auch ein Einkaufsmarkt in Ehrenfriedersdorf würde von Schlammmassen umschwemmt, die B 95 am Abzweig nach Herold überspült. Das Freibad in Venusberg wurde ebenfalls von den Schlammmassen "überrollt".

 

Der nächste Ort, welcher markant die Wucht der Superzelle zu spüren bekam, war Drebach. Dieser Ort liegt etwas östlich von Ehrenfriedersdorf. Auch hier gab es teils erhebliche Überschwemmungen, allerdings auch wieder Großhagel bis 4 cm und Sturmböen. Zahlreiche Autos wiesen nach dem Unwetter Dellen auf...

 

Superzelle bei Drebach (© DWD)

 

Die folgenden Bilder wurden freundlicherweise von Jens Weissbach und Peter Oestreich zur Verfügung gestellt, herzlichen Dank dafür!

 

Hagel aus Drebach (Foto: Peter Oestreich)

 

Hochwasser im Bereich Drebach (Foto: Jens Weissbach)

 

Drebach gehört zum Mittleren Erzgebirgskreis (MEK). Ebenso erwischte es im weiteren Verlauf Lippersdorf, welches ebenfalls noch im Mittleren Erzgebirgskreis an der Grenze zum Landkreis Freiberg liegt. Dort gab es teilweise Hagel bis 5 cm im Durchmesser und markante Wassermassen. Auch von Hagelschäden wird wieder berichtet. Die zyklische Superzelle variierte dabei immer wieder zwischen dem klassischen und HP-Status, die Intensität lag dabei zwischen 56 und 66 dBZ.

 

Superzelle über dem östlichen MEK - auf dem letzten Bild wird Lippersdorf beeinflusst (© DWD)

 

Die folgenden Bilder aus der Region um Lippersdorf wurden freundlicherweise von Thomas Böhme zur Verfügung gestellt, vielen Dank auch hier dafür.

 

 

 

Großhagel und Überschwemmungen in Lippersdorf (Fotos: Thomas Böhme)

 

Weiter zur nächsten Station. Großhartmannsdorf wurde zwar nicht voll vom Großhagelkern getroffen, aber dennoch gab es dort einen extremen Wolkenbruch mit kleinerem Hagel. Teilweise, vor allem Richtung Osten und Süden, ist auch größerer Hagel bis zu 2,5 cm Durchmesser gefallen. Großhagel um 3-5 cm gab es Richtung Weigmannsdorf und südlich von Großhartmannsdorf.

 

 

Superzelle über dem Gebiet Großhartmannsdorf - Zethau - Weigmannsdorf, auch hier sind wieder Hook-Strukturen

erkennbar (© DWD)

 

Die folgenden Bilder dazu wurden von Bernd März zur Verfügung gestellt, vielen Dank dafür.

 

Starkregen in Großhartmannsdorf (Foto: Bernd März)

 

 

 

Auch hier gibt es erhebliche Überschwemmungen... (Fotos: Bernd März)

 

Hagel im Ort (Foto: Bernd März)

 

Im Landkreis Freiberg gab es neben Großhagel und einigen weiteren Hagelschäden auch einen Tornadoverdachtsfall. Ein herabreichender Trichter soll dabei im Bereich Frauenstein und Burkersdorf gesichtet wurden sein. Ob Bodenkontakt vorhanden war oder nicht, konnte nicht geklärt werden, da in der ländlichen Region auch bei Bodenkontakt im besten Fall keine Schäden zu erwarten wären. Gestützt wird die Beobachtung aber durch ein gewaltiges Hook-Echo, was es in dieser Ausprägung in Deutschland nicht alle Tage zu sehen gibt und den großen amerikanischen Superzellen nicht nachsteht. Dieses deutet auf erhebliche Rotation des Gewitteraufwindes hin!

 

Superzelle mit gewaltigem Hook-Echo deckt den Tornadoverdacht (© DWD)

 

Im weiteren Verlauf ab ca. 13:45 Uhr verließ die Superzelle mit weiterhin hohen Reflektivitäten bis >63 dBZ das Erzgebirge und zog südlich von Dresden Richtung Ostsachsen. Verbreitet gab es auch hier Überschwemmungen und Hagelereignisse zwischen 2 und 4 cm, örtlich auch 5-6 cm Durchmesser. Besonders interessant wurde die Zelle dann wieder in Ostsachsen südlich von Bautzen.

 

Das System baute flächenmäßig immer weiter an, es handelte sich also mittlerweile um eine sehr große Superzelle. Im Bereich zwischen Neukirch und Putzkau, südlich von Bautzen, entwickelte sich erneut ein markantes Hook-Echo, allerdings sollte die Superzelle hier vor allem durch Großhagel auf sich aufmerksam machen. Im Ort Neukirch und Putzkau gab es gegen 15 Uhr Hagel, meist zwischen 3 und 5 cm im Durchmesser, örtlich aber auch sehr große Körner von 6-7 cm Durchmesser! Entsprechende Schäden, verbunden mit den teils schweren Sturmböen, blieben nicht aus, wobei auch hier, wie bereits zuvor, der eng begrenzte Extremhagelschlot meist eher südlich an besiedeltem Gebieten vorbeizog. Teile von Putzkau (Niederputzkau) und Schmölln traf es jedoch recht hart, 4-6 cm große Hagelkörner richteten hier erhebliche Schäden an Fahrzeugen und Häusern an. Zudem gab es um Bautzen und Bischofswerda schwere Schäden durch Überschwemmungen.

 

Folgend 3 Radarbilder, welche die Entwicklung in Ostsachsen verdeutlichen:

 

Das obige Radarbild zeigt das System über der Region Neukirch, wo vor allem südlich und westlich davon Extremhagel von bis zu 7 cm nieder geht (© DWD)

 

Gewaltige Superzelle mit Hook zieht Richtung Osten...

 

Erst nach 5 h, gegen 16:30 Uhr, überzog die Superzelle die Grenze zu Polen, wo sich das System anschließend zögerlich abschwächte.

 

Soweit die Dokumentation der Zellentwicklung und Unwettererscheinungen auf ihrem Weg Richtung Osten.

 

FAZIT:

 

Die Bedingungen entlang des Erzgebirges durch die vorherrschende Wetterlage waren an diesem Tag günstig für die Entwicklung von Mesozyklonen und Superzellen. Das vorhandene Potenzial wurde auch durch eine Zellentwicklung südöstlich eines nordwärts ziehenden Clusters genutzt, was in der Entwicklung einer starken, zyklischen Superzelle gipfelte. Besonders eindrucksvoll war dabei vor allem die sehr lange Lebensdauer von gut 5 h, aber auch die teilweise bilderbuchhafte Ausprägung eines Hakenechos (Hook), was auf starke Rotation des Zellaufwindes hinweist und ebenso für ein nicht unerhebliches Tornadopotenzial spricht. Mehrere Funnelsichtungen sowie 2 durch Augenzeugen gemeldete Tornadoverdachtsfälle liegen vor, welche rein von den aufgetretenen Radarsignaturen schon sehr gut gestützt werden. Aufgrund von verbreitet wenig dicht besiedelten Gebieten im Erzgebirge und vor allem im Osterzgebirge auch von größeren waldfreien Flächen kann auch ein eventueller "Touchdown" in den in Frage kommenden Regionen der Tornadosichtungen ohne Schadenswirkung aufgetreten sein. Besonders erwähnenswert sind die zahlreichen Hagelmeldungen. Im gesamten Durchzugsgebiet der Zelle gab es erheblichen, teils mit schwerem Sturm gepeitschten Hagelschlag. Die Körnung lag verbreitet zwischen 2 und 4 cm im Durchmesser, gelegentlich wurden auch 5-7 cm große Hagelkörner beobachtet, was dann auch zu entsprechenden Schäden an Fahrzeugen und Gebäuden führte. Glück im Unglück: Die Extremhagelkorridore mit den maximalen Körnern waren mit meist nur 1-2 km Breite recht schmal, sodass in den eher ländlich geprägten Gebieten, welche von der Superzelle beeinflusst wurden, oft Waldgebiete oder Felder betroffen waren und Städte oder Gemeinden häufig nur am Rand getroffen wurden. Dennoch gab es mancherorts erheblichen Schaden an Fahrzeugen, Gebäuden und Versorgungseinrichtungen, vor allem aber auch in der Landwirtschaft, wie Totalverluste beim Tafelobst und markante Ausfälle beim Mais. Bäume und Sträucher wurden ebenso entlaubt. Durch den häufig mit aufgetretenen Sturm wurde die Schadenswirkung der sehr unterschiedlich geformten Körner (gezackt bis kugelrund) - trotz der sehr hohen Verlagerungsgeschwindigkeit der Zelle und damit recht kurzen Dauer des extremen Hagels - noch verstärkt.

 

Teils erheblich entlaubte Bäume zwischen Grünhain und Bernsbach...

 

Deutliche Spuren der Hageleinwirkung...

 

Auch viele Autos waren vom Hagel gekennzeichnet...

 

Örtlich gab es Meldungen zu einigen Sturmschäden, meist herabgewehte Äste und teils auch umgestürzte Bäume. Den größten Anteil an den verursachten Millionenschäden durch dieses System lassen sich jedoch auf die massiven Sturzfluten zurückführen, die besonders beim Zykluswechsel sehr markant waren. Gewaltige Schlammlawinen, überschwemmte Straßen und Keller sowie Untergeschosse von Häuser waren die Folge. Die A 4 musste bei Bautzen sogar voll gesperrt werden, da sie komplett unter Wasser stand. Zudem führten zahlreiche Flüsse in den betroffenen Regionen nach der Zellpassage Hochwasser.

 

Hochwasser der Zwönitz bei Thalheim

 

Insgesamt lässt sich also zusammenfassend sagen, dass die Superzelle hinsichtlich Dauer und Konsistenz der Extremwettererscheinungen durchaus als besonderes Wetterereignis angesehen werden kann. Im Gegensatz zu anderen Superzellen, wie die am 27.5.07, welche teilweise eine ähnliche Zugbahn durch das Erzgebirge nahm, waren die Extremhagelgebiete diesmal meist noch etwas lokaler. Allerdings war das System vom 23.8.07 noch "dynamischer", die Rotation war teilweise noch markanter, es gab vermehrt Funnel- und Tornadoverdachtsfälle und Hookstrukturen in wahrlich gewaltiger Ausprägung. Dazu traten verbreitet Sturmböen auf, welche die Wirkung der Hagelkörner gerade auf die Landwirtschaft noch verschlimmerte, trotz kürzerer Einwirkzeit durch die hohe Verlagerungsgeschwindigkeit der Zelle. Der Umstand zahlreicher neuer Zyklen machte das System äußert langlebig, sodass ein hohes Schadenspotenzial bestand. Insgesamt gehen die Schäden durch dieses Unwetter weit in die Millionen, allein um Bautzen herum wurden Millionenschäden verursacht.

 

Folgend noch einmal eine Übersicht über die maximalen Reflektivitäten der Superzelle, angefertigt unter Zuhilfenahme der Irasradardaten. Beginn der Aufarbeitung war etwa 11:30 Uhr:

 

 

Der Übersicht halber sind der folgenden Karte nochmals einige bekannte Stationen mit den dort gefallenen Hagelgrößen zugeordnet wurden. Dabei wurden nur die Hagelgrößen angegeben, welche "in" den genannten Ortschaften auftraten. Teilweise gab es außerhalb der Orte, wie beispielsweise südlich von Ehrenfriedersdorf oder Putzkau, auch noch größere Hagelkörner:

 

Folgend noch eine Karte, welche den gesamten Hagelzug der Superzelle zeigt (bzw. die gefallenen Hagelgrößen im Durchzugsgebiet).

 

 

Auf folgender Karte sind noch die beiden Tornadoverdachtsfälle verzeichnet.

 

 

Insgesamt gesehen steht die Superzelle den bisherigen starken Superzellgewittern im Erzgebirge, wie dem 8.5.03, dem 27.5.07 oder sogar dem 29.7.05 in keinster Weise nach, auch wenn natürlich durch die LP-Superzelle am 29.7.05 neben einem Tornado auch bedeutend größerer Hagel registriert wurde (>10 cm). Die Schäden jedoch waren ähnlich verheerend...

 

- Zu Guter letzt noch mal vielen Dank an die vielen "Fremdquellen", welche mir freundlicherweise allerhand Material zur Verfügung stellten. Besonders sei dabei die Stadtverwaltung Ehrenfriedersdorf und auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) erwähnt, welcher mir freundlicherweise das Radarmaterial für diese Analyse zur Verfügung stellte. Herzlichen Dank dafür... -

 

© Michel Oelschlägel

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Datum: 23. Juli 2016

                  

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