27.5.2007 Extremhagel durch Superzelle

 

Über Pfingsten 2007 gab es in ganz Deutschland im Bereich eingeflossener, schwülwarmer Luftmassen wiederholt teils schwere Gewitter. Vor allem war auch Sachsen von diesen Wetterunbilden betroffen. Nachdem es bereits am 22.5.07 ein heftiges Unwetter im östlichen und mittleren Erzgebirge sowie bis nach Nordsachsen rund um Riesa gab (mit > 60 dBZ), welches mit erheblichen Überschwemmungen einherging, traf es die Region südlich von Freiberg auch am 25.5. im Bereich Olbernhau wieder mit schweren Gewittern, welche nochmals Überschwemmungen anrichteten, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie am 22.5.07.

 

Auch am 26.5. ging es um Dresden und um Freiberg wieder heftig zur Sache. Teilweise erreichten die Zellen eine Kernreflektivität von 60-63 dBZ. An diesem Tag gab es in Müdisdorf eine Schlammlawine, welche dutzende Keller und die Straße im Ort unter Wasser setzte. Auch in anderen Orten gab es teilweise wieder vollgelaufene Keller...

 

Der Höhepunkt der Unwetterentwicklung war schließlich am 27.5.07 erreicht. Im Bereich eines auslaufenden Systems, welches aus Bayern hereinzog, bildete sich gegen halb 12 über dem Landkreis Annaberg eine Gewitterzelle, welche fast exlosionsartig entstanden war und bereits 10 Minuten nach ihrer ersten Aktivität eine Reflektivität von 55-59 dBZ erreichte. Doch dieses System verstärkte sich rasant weiter, gegen 11:45 Uhr lag bereits eine Kernreflektivität von 60-63 dBZ vor. Bernd März und Michael Popp beobachteten von nun an diese Zelle und verfolgten sie auf ihrem Weg ins Osterzgebirge. Von Michael Popp stammt dabei auch ein Großteil des hier aufgeführten Materials, herzlichen Dank dafür nochmal an dieser Stelle. Besonderen Dank gilt an dieser Stelle auch dem Verein Skywarn und dem Deutschen Wetterdienst, welche für diese Reanalyse wichtiges Daten- und Radarmaterial (hochauflösendes Iras-Radar) zur Verfügung stellten.

 

Neue Zelle an der Grenze Landkreis Annaberg/ MEK (Foto: Michael Popp)

 

(© DWD)

 

Entwicklung der Zelle über dem Landkreis Annaberg, Grenze zu MEK (© DWD)

 

11:55 Uhr verließ die entstandene Zelle den Landkreis Annaberg Richtung Nordost, wobei es über dem genannten Landkreis bereits heftigen Sturzregen mit Überschwemmungen sowie Hagel bis maximal 2 cm gab. Wesentlich interessanter wurde das System über dem Mittleren Erzgebirgskreis (MEK). Dort verstärkte sich das Gewitter nochmals und bildete einen breiten Kern mit 63-67 dBZ. Gegen 12:10 Uhr zeigte das Radar sogar neben einem sehr großen 63-67er Kern einen kleinen Bereich mit 67-70 dBZ! In dieser Zeit bildete sich auch zunehmend ein Hook-Echo aus und gleichzeitig wurde ein deutliches Ausscherren nach rechts erkennbar. Man konnte spätestens zu diesem Zeitpunkt wohl von einer starken Superzelle ausgehen. Im Bereich um Marienberg ging nun ein Hagelunwetter mit dichtem Hagelschlag bis 2 cm nieder, welcher bereits zu einer Hageldecke von 5-10 cm führte. Im südlichen Bereich gab es Hagelschlag zwischen 3-6 cm, der teils große Hagelschäden an Fahrzeugen verursachte (zum Teil bis zu 300 Dellen pro Autodach!).

 

 

Auf dem Weg Richtung Osterzgebirge: Großhagel > 4 cm (Fotos: Michael Popp)

 

Freundlicherweise wurde mir von Peter Schaarschuch ein Video zur Verfügung gestellt, was das Unwetter in Marienberg zeigt (herzlichen Dank dafür an dieser Stelle). Neben Hagel bis 3 cm wird auf dem Video eine deutliche Rotation des Gewitteraufwindes deutlich, was eine Superzelle letztlich bestätigt. Eine eindeutige Wallcloud war zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgebildet oder wurde teils vom Niederschlag verdeckt. Die Superzelle würde ich demnach auch als HP-, teils sogar als klassische Superzelle ansprechen.

 

Hagelschlag bis 3 cm in Marienberg (Videostills aus Video von Peter Schaarschuch)

 

Nach dem Unwetter... (Videostills aus Video von Peter Schaarschuch)

 

 

 

abziehendes Unwetter (Videostills aus Video von Peter Schaarschuch)

 

Zelle mit > 67 dBZ über dem Mittleren Erzgebirgskreis (MEK), hier über Marienberg (© DWD)

 

Gegen 12:40 Uhr befand sich das Unwetter über der Region Forchheim - Lippersdorf (MEK). Dort konnte auf dem Radar auch ein ausgeprägtes Hookecho beobachtet werden, was auf deutliche Rotation des Zellaufwindes hindeutet. In Lippersdorf waren dabei die größten Körner ca. 2 cm groß, die Masse etwa 1 cm. Im Bereich Forchheim (bei Pockau) fielen Körner von 3-4 cm Durchmesser vom Himmel. Die folgenden Bilder wurden freundlicherweise von Thomas Böhme zur Verfügung gestellt, auch hier herzlichen Dank dafür. In diesem Bereich gab es auch mehrere Schlammausspülungen von landwirtschaftlichen Flächen.

 

 

 

 

Hagel im Bereich Lippersdorf (Thomas Böhme)

 

(© DWD)

 

(© DWD)

 

Zelle im Bereich Pockau und Lippersdorf - auf den Radarbildern ist zudem ein Hook-Echo erkennbar (© DWD)

 

Mit nahezu gleichbleibender Intensität (60-67 dBZ) erreichte die Superzelle gegen 12:45 Uhr den Landkreis Freiberg. Hier wurden die teils größten Hagelmengen registriert. Etwa gegen 12:50 Uhr lag das Unwetter über der Region Mittelsaida - Großhartmannsdorf, ebenfalls mit einem Kern von bis zu 67 dBZ. Dort gab es den heftigsten Hagelschlag. Zwar waren die Körner nur bis zu 2 cm groß, fielen aber entsprechend dicht herab und langanhaltend. Die Hageldecke erreichte im westlichen Teil des Ortes Großhartmannsdorf bis zu 30 cm Höhe! Es gab erhebliche Verkehrsbehinderungen und Wassereinbrüche in Häuser, da der Hagel die Abflusskanäle verstopfte. Parallel dazu fielen vor allem weiter südlich davon Hagelkörner von 4-6 cm herab und verursachten unter anderem um Haselbach und Dörnthal (MEK) reichlich Schäden. Auch im weiteren Verlauf wurden Müdisdorf, Weigmannsdorf und Helbigsdorf (FG) von Großhagel > 4 cm erfasst. Zu diesen Zeitpunkt bildete sich auch eine Wallcloud aus, welche auf dem Foto von Steffen Nitzsche ersichtlich wird.

 

Superzelle mit Wallcloud über dem Osterzgebirge (Foto: Steffen Nitzsche)

 

 

 

Hagelschlag in Großhartmannsdorf (Fotos: Steffen Nitzsche)

 

 

 

Hagel in Mittelsaida (Videostills aus einem Video von Michael Popp)

 

 

B101 zwischen Mittelsaida und Großhartmannsdorf (Videostills aus einem Video von Michael Popp)

 

 

 

Hagel zwischen Mittelsaida und Großhartmannsdorf - bis 2 cm groß (Fotos: Michael Popp)

 

 

 

 

 

Hagel in Großhartmannsdorf (Videostills aus einem Video von Michael Popp)

 

Noch ein Foto aus der Region Haselbach (Foto: Tim Helbig)

 

(© DWD)

 

(© DWD)

 

System über Mittelsaida - Großhartmannsdorf - Helbigsdorf (© DWD)

 

Das Maximum der Hagelentwicklung wurde gegen 13 Uhr in Lichtenberg nördlich von Mulda erreicht. Dort fielen Hagelkörner von 5-6 cm, im Südteil des Ortes und zwischen Lichtenberg und Mulda sogar bis zu 7 cm große Hagelkörner herab und verursachten erhebliche Schäden an Gebäuden und Fahrzeugen. Etwas Glück hatte Lichtenberg dennoch, da der größte Hagel den Ort etwas südwestlich verfehlte. Dennoch gab es reichlich Schäden im Ort, Fahrzeuge wurden beschädigt, Heck- und Frontscheiben eingeschlagen, ebenso Dachfenster, Dächer und Versorgungseinrichtungen beschädigt. Das größte Problem: Zeitgleich gab es eine Festveranstaltung im Ort Lichtenberg bezüglich des 800-jährigen Bestehens der Gemeinde. Genau in diesen Festumzug platzte das Hagelunwetter, sodass es hier mehrere Verletzte gab, welche unter anderem Platzwunden oder Gehirnerschütterungen aufwiesen. Auch reichlich Getier wurde hier verletzt. Das folgende Material wurde mir freundlicherweise von Dieter Heinrich zur Verfügung gestellt, herzlichen Dank dafür! Insgesamt war die Menge an großen Körnern größer, als sie auf den Bilder zu sein scheint. Der Grund ist der, dass viele der großen Körner beim Aufprall auf den harten Asphalt in kleine Teile zerbrachen, was im Video sehr deutlich wurde. Auf den Wiesen fanden sich viel mehr erhaltene Körner dieser Größe...

 

 

 

Hagel in Lichtenberg, hier Hagel bis 6 cm - Teilnehmer des Festumzuges suchen Schutz vor dem Unwetter (Videostills aus einem Video von Dieter Heinrich)

 

Und so sahen die Körner in Lichtenberg aus, kompakt und rund... (Videostills aus einem Video von Dieter Heinrich)

 

Hagelunwetter nun in Lichtenberg (zwischen Weigmannsdorf und Weißenborn) - das Hook ist immer noch erkennbar

(© DWD)

 

Ab Frauenstein schwächte sich das Unwetter langsam wieder ab und verclusterte mit weiteren Zellen im Raum Dresden zu einem starken Multizellensystem, dass in Dresden immer noch Hagel bis 2 cm produzierte.

 

Zudem führte das Unwetter teilweise zu erheblichen Niederschlagsmengen von bis zu 50 mm in 30 Minuten! Diese blieben natürlich auch nicht ohne Folgen, sodass wie bereits oben erwähnt auch mehrere Straßen und Keller überflutet wurden.

 

Überflutung zwischen Brand-Erbisdorf und Frauenstein

 

 

Die Wassermassen der Gewitter der letzten Tage und des Hagelunwetters am 27.5.07 blieben nicht ohne Folgen, auch größere Flüsse, hier die Freiberger Mulde, führten Hochwasser (Fotos: Michael Popp)

 

Auch am Abend und in den folgenden Tagen gab es noch weitere Gewitter, teils mit starkem Hagel und Platzregen, vor allem dann im östlichen Sachsen und in Brandenburg. So verwüstete ein Hagelsturm am 28.5.07 einige Gebiete um Cottbus...

 

Im Anschluss an diesen bebilderten Entwicklungsablauf des Systems soll nun noch ein kleiner analytischer Teil folgen.

 

Zuerst betrachten wir eine Übersichtskarte zur Superzelle, welche auf Grundlage der einzelnen Radarkomposits (Quelle Iras) von 11:30 Uhr - 13:40 Uhr zusammengesetzt wurde.

 

 

Sehr schön ist hier der Entwicklungsverlauf des Systems erkennbar sowie die deutliche Ausscherung nach rechts. Der Hagelkern mit > 55 dBZ zeigt eine deutliche Entwicklung, vor allem bezüglich der betroffenen Fläche. Erst nach Freiberg schwächt sich das System ab, der Kern verliert rasch an Größe. Zugleich bilden sich um die Superzelle herum nun neue Zellen, das System erlangt einen multizellulären Charakter.

 

In folgender Übersicht sind zudem die wichtigsten Orte hinsichtlich ihrer Hagelgröße eingezeichnet, welche auch im obigen Bilderbericht benannt sind. Den Zahlen in der Übersicht können in der folgenden Tabelle entsprechend die Orte und zugehörigen Hagelgrößen zugeordnet werden.

 

 

Laufende Nummer in Übersicht

 Ort + Landkreis

Hagelgröße + Besonderheit

 1

 Lichtenberg (FG) 

 5-7 cm, kugelform, kompakt 

 2

 Müdisdorf (FG)

 4-5 cm, kugelform, kompakt

 3

 Großhartmannsdorf (FG)

 1-2 cm, bis zu 30 cm hoch*

 4

 Mittelsaida (FG) 

 1-2 cm, bis 20 cm hoch*

 5

 Haselbach (MEK) 

 3-5 cm, kugelform, kompakt 

 6

 Lippersdorf (MEK) 

 1-2 cm, bis zu 10 cm hoch*

 7

 Pockau/Forchheim (MEK) 

 3-4 cm, kugelform, kompakt

 8

 nördliches Marienberg (MEK)

 1-2 cm, bis zu 10 cm hoch*

 9

 südliches Marienberg (MEK)  3-6 cm, kugelform, kompakt

* bezieht sich auf die maximale im Ort aufgetretene Hageldecke

 

Zuletzt soll nochmals explizit auf die Verteilung der Hagelgrößen im Hagelkern der ausgeprägten HP- bzw. auch klassischen Superzelle eingegangen werden. Diese Karte beruht auf entsprechenden Hagelmeldungen, die ich aus Presse und Augenzeugenberichten entnehmen konnte. Sie kann also auch einige Ungenauigkeiten aufweisen, was zu berücksichtigen wäre. Schön erkennbar ist die deutliche Zunahme zuerst der Menge, später vor allem der Hagelgrößen Richtung Süden, wo sich der Aufwindbereich anschließt. Teilweise war jedoch auch dieser von Niederschlag verhüllt, was einem ausgeprägten HP-Stadium entspricht.

 

 

Insgesamt zählt dieses Hagelunwetter neben dem 23.8.07 zum stärksten Hagelereignis der Saison 2007 im Raum Sachsen und kann sich gut in die Reihe vergangener starker Hagelunwetter/Superzellen einreihen, wie dem 8.5.03 oder dem 22.7.03. Ungeschlagen bezüglich der Hagelgröße bleibt aber weiterhin die LP-Superzelle vom 29.7.05 mit fast doppelt so großen Hagelkörnern (unbestätigt: bis 14 cm)! Etwas außergewöhnlich war allerdings die Tageszeit, an der sich das Hagelunwetter entwickelte. Die meisten Hagelunwetter aus vergangenen Jahren im Erzgebirge entstanden erst in den späten Nachmittagsstunden und nicht wie diese Zelle um die Mittagszeit herum.

 

- Zu Guter letzt nochmal vielen Dank an die vielen "Fremdquellen", welche mir freundlicherweise allerhand Material zur Verfügung stellten. Besonders sei dabei auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) erwähnt, welcher mir freundlicherweise das Radarmaterial für diese Analyse zur Verfügung stellte. Herzlichen Dank dafür... -

 

© Michel Oelschlägel  

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Datum: 1. Mai 2017

                  

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