23.09.2018 - Kaltfront von Sturmtief Fabienne verursacht lokal schwere Schäden - Analyse Fall Stollberg-Lengefeld

 

Die Ausgangsbedingungen, das Chasing und der Ablauf der Kaltfrontpassage


Der erste Herbststurm des Jahres kündigte sich für den 23. September des Jahres 2018 an. Im Vorfeld gab es in der Vorwoche nochmals sommerliche Temperaturen von teilweise bis zu 30°C. Diese außergewöhnlich warme Luft wurde durch eine Kaltfront am 21. September bereits nach Süden abgedrängt. Mit der Entwicklung eines neuen Tiefs namens Fabienne am 23. September, welches mit seinem Kern über die Mitte Deutschlands ziehen sollte, wurde die warme Luft aber zumindest wieder bis an die Mittelgebirge zurückadvehiert. Gerade in Bayern wurden dabei nach Warmfrontregen nochmals Temperaturen von über 20°C, lokal sogar von ca. 25°C erreicht. Diese Warmluft wurde noch am selben Tag von einer Kaltfront wieder verdrängt. Genau diese Konstellation machte die erste Sturmlage sehr brisant.


Während es abseits der Kaltfront bei Windböen und stürmischen Böen blieb (Berge auch mehr), frischte der Wind an der sich ab den Mittagsstunden von Frankreich her formierenden Kaltfront merklich auf. Wirklich deutlich zeichnete sich die Kaltfront auf dem Radar ab etwa 15:30 Uhr ab und sie erstreckte sich zu diesem Zeitpunkt von Luxemburg über Hessen bis Erfurt. Immer deutlicher trat nun ein schmales Band mit hohen Radar-Reflektivitäten in den Vordergrund und erste Gewitteraktivität war an ihr auszumachen. Durch den hohen Höhenwind mit über 140 km/h waren zumindest lokal - bei passender konvektiver Herabmischung - solche Böen auch bodennah durchaus denkbar.


Ich fing die Kaltfront gegen 17:30 Uhr südlich von Coburg in Oberfranken ab. Inzwischen gab es auch immer wieder Blitze an der Front und Zentren mit stärkerer Blitzaktivität, beispielsweise nördlich von Coburg. Die Linie wies zudem mehrere Bow-Echos auf, was lokal für starke Böen und deutliche Downburstgefahr sprach. Lokal waren Orkanböen denkbar. Gerade nördlich der Bow-Echos war auch durch bestehende Rotation und eine ohnehin erhebliche Richtungsscherung (Windzunahme und Richtungsänderung mit der Höhe) die Tornadogefahr erhöht. Gegen 17:50 Uhr überquerte mich die Front mit extremen Starkregen und Sturmböen, lokal auch schwere Sturmböen. Vereinzelt traten in der Umgebung auch Böen im orkanartigen Bereich/ Orkanbereich auf. So meldeten die nicht weit entfernten Orte Ahorn und Weidach bei Weitramsdorf Sturmschäden. Schlimmer erwischte es den Park Rosenau bei Coburg, wo mehrere große Bäume umgeworfen wurden. Lokal kam es auch zu Überschwemmungen durch den zeitweise ausgesprochen starken Regen. Danach zog die Front weiter nach Osten ab und das Wetter beruhigte sich rückseitig.

 

Aufziehende Kaltfront bei Seßlach südlich von Coburg...

 

Die Richtungsscherung ist mit bloßem Auge an der herannahenden Front gut erkennbar, gelegentlich gibt es Blitzentladungen...

 

Kurz vor Ankunft der Kaltfront am Standort...

 

Extremer Starkregen und heftiger Sturm fegen über die Landschaft...

 

Nach wenigen Minuten lässt der heftige Starkregen nach, zugleich dreht der Wind mit der Front...

 

Am Standort führt der heftige Starkregen zu lokalen Überschwemmungen...

 

Video zur Kaltfrontpassage südlich von Coburg (externer Link: https://www.youtube.com/watch?v=_-tRtbd2hT8)


Lokal traten an der Front insbesondere in Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen Böen von 100-120 km/h auf, vereinzelt auch Fallböen von über 130 km/h. So wurden in Würzburg bei mehr als 130 km/h zahlreiche Bäume entwurzelt. Insgesamt blieb es jedoch meist bei Sturm- und schweren Sturmböen im Durchzugsbereich der Front.


Vereinzelt aber traten auch ausgesprochen schwere Sturmschäden auf, wobei auch Gebäude stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Für diese Schäden war von weit höheren Windgeschwindigkeiten (teils >170 km/h) auszugehen. Denkbar sind hier aber auch Tornados als Schadensursache. Solche Schäden wurden unter anderem aus dem Raum Bamberg (u.a. Burgwindheim) gemeldet. Hier kam durch den Sturm sogar eine Frau ums Leben. Weiterhin wurden schwere Sturmschäden u.a. aus dem Raum Stollberg - Brünlos - Thalheim bis Lengefeld im Erzgebirge, aus dem Raum Hirschfeld-Kirchberg bei Zwickau sowie aus dem Raum Saalfeld in Thüringen gemeldet. 


Die Front beeinflusste in der Folge vor allem auch unser Nachbarland Tschechien. Auch hier wurden lokal erhebliche Sturmschäden verursacht und mehrere Tornadoverdachtsfälle stehen im Raum, wobei ein Fall südlich des Erzgebirges mittlerweile als plausibel eingestuft ist.


Ein besonders schwerer Schadensfall in Sachsen südlich von Chemnitz im Erzgebirge - eine Analyse (Stand 06.10.2018)


Wie bereits angesprochen hinterließ die Kaltfront von Fabienne ein besonders massives Schadensgebiet südlich von Chemnitz im Erzgebirge. Bereits am Abend nach dem Unwetter war hier von vielen Bewohnern bereits das Wort Tornado oder Windhose zu hören. Ich selber vermutete aber zunächst Fallwindschäden, da die meisten Videos aus dem Bereich schweren Sturm/ Orkan mit heftigem Starkregen zeigten. Doch später musste ich meine Meinung bei der Untersuchung dieses Falls immer mehr zurücknehmen. Die komplette Schadensanalyse zu diesem Ereignis habe ich nachfolgend zusammengetragen. Besonderer Dank gilt an dieser Stelle Jens Uhlig, Bernd März und Jens Weißbach für die Unterstützung durch die Meldung von Schadensgebieten und für das Bereitstellen von Bilder- und Videomaterial. 


Am Morgen nach dem Unwetter begann die Begutachtung der Sturmschäden im besagten Bereich südlich von Chemnitz. Es war bereits nach diesem Tag auffällig, dass sich die schwersten Schäden deutlich in einem recht schmalen Bereich von etwa 5 km Bereite bewegten und weiter im Süden und im Erzgebirge eher lokale Sturmschäden zu finden waren, die jedoch recht breit verstreut auftraten. Solche lokalen Schadensmeldungen kamen aus dem Raum Aue, Lössnitz, Hartenstein, Schneeberg, Beierfeld, Bernsbach, Zwönitz, Wolkenstein, Annaberg, Crottendorf sowie Lauterbach und Pockau bis Altenberg. Dennoch waren dies typische Fallwindschäden und sind in ihrer Verbreitung und Intensität nicht mit dem Schadenskorridor bei Stollberg zu vergleichen. Schwere Schäden fanden sich dagegen wieder zwischen Hirschfeld und Kirchberg im Kreis Zwickau, wobei hier - wie oben angesprochen - ein Tornadoverdacht durchaus im Raum steht. Sonst gab es im Kreis Zwickau und im Vogtland nur vergleichsweise wenige Schadensmeldungen. Nördlich des Schadenskorridors waren ebenfalls meist nur wenige Sturmschäden zu finden.


Ich konzentrierte mich nun wieder auf den Stollberger Fall. Schon recht schnell war klar, dass es mehr als eine Schneise in dem Gebiet gab. In den Folgetagen konnte ich weitere Schneisen bis in das gut 30 km entfernte Lengefeld im Erzgebirge ausmachen. Der Fall hatte also insgesamt eine deutlich größere Ausdehnung als zunächst vermutet. Eine Komplettübersicht über die Schäden findet sich in Abbildung 1 bzw. detaillierter in Abbildung 2 und 3.

 

Abbildung 1 - Komplettübersicht über das Schadensgebiet vom Stollberger Raum bis Lengefeld (zum Vergrößern anklicken); zur Legende: >T1 entspricht Windgeschwindigkeiten über 120 km/h, >=T3 mehr als 150 km/h

 

Abbildung 2 - Übersicht über den ersten Teil bis Gelenau mit Schadensgebiet 1 und 2 (zum Vergrößern anklicken) - die markierten Bereiche kennzeichnen die detaillierten Kartenausschnitte in den nachfolgenden Beschreibungen; zur Legende: >T1 entspricht Windgeschwindigkeiten über 120 km/h, >=T3 mehr als 150 km/h

 

Abbildung 3 - Übersicht über Schadensgebiet 3 und 4 von Gelenau bis Lengefeld (zum Vergrößern anklicken) - die markierten Bereiche kennzeichnen die detaillierten Kartenabschnitte in den unten angegebenen Beschreibungen; zur Legende: >T1 entspricht Windgeschwindigkeiten über 120 km/h, >=T3 mehr als 150 km/h


Nachfolgend wird auf diese Schadensgebiete genauer eingegangen. Die Daten für die darin vorgestellten detaillierten Bereiche wurden durch Begehung der Schadensgebiete inkl. Kartierung sowie unter Zuhilfenahme von Luftaufnahmen zusammengetragen.


Schadensgebiet Raum Stollberg - Brünlos - Thalheim - Gornsdorf - Auerbach (Gebiet 1 in Abbildung 2)


Dieses Schadensgebiet ist mit das komplexeste der gesamten Schadensspur (Übersicht siehe Abbildung 2). Eine erste starke und begrenzte Schadensschneise zieht sich von Neuwürschnitz über die Autobahn A72 Richtung Mitteldorf südlich von Stollberg und von da nach Brünlos, wobei auch der Nordteil des Ortes Gablenz getroffen wurde. Nahe der Autobahn wurden sehr scharf begrenzt kleine Waldgebiete komplett zerstört, während benachbarte Bestände kaum in Mitleidenschaft gezogen wurden. Die Schadensintensität liegt zwischen Neuwürschnitz und Brünlos bei T3 (über 150 km/h), teils T4 (bis 220 km/h). Gerade in Neuwürschnitz, insbesondere aber in Mitteldorf wurden mehrere Dächer abgedeckt und erhebliche Schäden im Ort verursacht. Eine zweite begrenzte Schneise beginnt direkt im Stadtgebiet von Stollberg. Dort wurden mehrere Dächer abgedeckt, u.a. von einem Großbetrieb. Teile des Betriebsgebäudes waren anschließend einsturzgefährdet und mussten vom THW aufwändig gesichert werden. Diese 2. Schneise trifft etwas weiter östlich auf die Schneise, welche von Mitteldorf Richtung Brünlos verläuft. Im Ort Brünlos gibt es überall erhebliche Sturmschäden und auch immer wieder beschädigte oder abgedeckte Dächer. Vor allem im Norden und Osten des Ortes Richtung Thalheim schließt sich ein starkes und breites Schadensgebiet an, welches durchaus mit T5/F2 (221–260 km/h) bewertet werden kann, da hier auch der Waldrand wie auch der innere Waldbestand komplett zerstört wurden. Dieses Gebiet markiert auch den massivsten Schaden innerhalb des gesamten Gebietes aus Abbildung 1. Details zu diesem Gebiet um Brünlos (ausgewählter Bereich siehe Abbildung 2) inklusive der Berücksichtigung von Fallrichtungen innerhalb der Schadensflächen finden sich in der nachfolgenden Abbildung 4.

 

Abbildung 4 - Detaillierte Betrachtung des Schadensgebietes Brünlos und Thalheim (zum Vergrößern anklicken): Hier sind mit grünen Punkten die Fallrichtungen von ausgewählten Bäumen dargestellt. Die grünen Pfeile markieren Fallrichtungen ganzer Bestände, abgeleitet von Luftaufnahmen. Orange sind zudem Bildpunkte dargestellt (mit Zahlen und Blickrichtung). Die Fotos dazu sind nachfolgend entsprechend der Nummerierung zu finden. Zur Legende: >T1 entspricht Windgeschwindigkeiten über 120 km/h, >=T3 mehr als 150 km/h

 

Bildpunkt 1 - Aufnahmen aus der Ortslage Brünlos am Ortsausgang nach Thalheim...

 

Bildpunkt 2

 

Bildpunkt 3 - Blick auf einen zerstörten Bestand am gegenüberliegenden Hügel...

 

Bildpunkt 4 - Blick auf das stärkste Schadensgebiet im nördlichen Teil der breiten Schneise...

 

Bildpunkt 5 - Teils finden sich hier konvergente Bruchstellen...

 

Bildpunkt 6 - Blick in Zugrichtung des Ereignisses und Richtung Thalheim...

 

Bildpunkt 7

 

Bildpunkt 8 - Blick zurück auf die große Schadensfläche im gegenüberliegenden Wald (= nördlicher Teil der Schneise)...

 

Bildpunkt 9 - Der zerstörte Bestand, der bereits auf dem Bild von Bildpunkt 3 zu sehen war...

 

Bildpunkt 10 - Im Bestand von Bildpunkt 9: Hier findet sich ein eher einheitliches Fallmuster zur Schneisenmitte hin, allerdings immer um 45 Grad versetzt zur Zugbahn von Front und Sturmereignis - ein nicht untypisches Bild bei schnellziehenden Tornados...

 

Bildpunkt 11 - Luftaufnahme mit Blick in Zugrichtung des Sturmereignisses (Aufnahme Bernd März)

 

Bildpunkt 12 - Weitere Luftaufnahme mit Blick in Zugrichtung, teils mit deutlichen Konvergenzen! (Aufnahme Bernd März)

 

Bild von einem besonders starken Gebäudeschaden in Brünlos (Aufnahme Bernd März)

 

Weiteres abgedecktes Dach in Brünlos (Aufnahme Bernd März)


Trotz relativer Breite des Gebietes mit etwa 1 km lassen sich hier immer wieder konvergente Fallmuster finden (siehe Abbildung 4). Meist sind die Bäume etwa 45 Grad versetzt zur Zugrichtung der Front (= in diesem Fall auch die Verlagerungsrichtung des Sturmereignisses) Richtung NO gefallen. Viele Bäume sind auch in Zugrichtung (nach O) gefallen. Interessant sind aber Bäume nördlich der Schadenschneise, welche Richtung SO in die Schneise hineingefallen sind. Das Schadensbild deutet auf einen schnellziehenden Tornado hin (daher Fehlen von umgestürzten Bäumen, die entgegen der Zugrichtung gefallen sind, da hier die Translations- bzw. Verlagerungsgeschwindigkeit des Wirbels die Rotationsgeschwindigkeit in Gegenrichtung ausbremst, während die Rotationsrichtung, welche gleich der Translation ausgerichtet ist, verstärkt wird) und ist vgl. mit den Tornadoereignissen an der Kaltfront von Orkan Kyrill am 18.01.2007, dem Multivortex-Tornado (Tornado mit mehreren Nebenwirbeln) an der Kaltfront von Emma in Carlsfeld am 01.03.2008 oder aber mit dem Multivortex-Tornado in Erlabrunn am 29.07.2005. Auch im Fall Brünlos ist das Vorhandensein mehrerer Nebenwirbel denkbar und ein Multivortext-Tornado scheint allein durch die Nebenschneise, welche aus Stollberg heraus nach Brünlos in die Hauptschneise hinein verläuft, plausibel. Das Hauptereignis verläuft anschließend weiter nach Thalheim und hat hier vor allem den Südteil der Stadt getroffen. Die Tallage der Häuser im Ort hat hier aber wohl schwere Schäden an den Gebäuden noch verhindert und die massivsten Schäden finden sich erst wieder im gegenüberliegenden Hang auf ähnlicher Höhe wie zuvor. Hier geht ein großes Schadensgebiet mit leichter NO-Verlagerung an einer Gartensiedlung vorbei und verlagert sich anschließend über den Wald weiter Richtung Gornsdorf. Die Waldschäden in dem Bereich östlich von Thalheim lassen sich mit T4/F2 bewerten (185-220 km/h).


Zwischen Gornsdorf und Homersdorf lassen sich noch schwere Waldschäden ausmachen, die sich bis Auerbach ziehen. In den Ortslagen Gornsdorf und Auerbach sind ebenfalls Sturmschäden aufgetreten und ein gesamter Dachaufbau in Gornsdorf wurde um einige Zentimeter versetzt. Erst zwischen Thum und Auerbach nimmt die Schadensintensität immer weiter ab. Allerdings lassen sich am westlichsten Punkt des Ortes Gelenau noch letzte nennenswerte Schäden ausgehend von diesem Sturmereignis in Gebiet 1 (siehe Abbildung 2) ausmachen, die auch wieder ein leicht konvergentes Muster aufweisen.


Zusammenfassung: Auffallend ist in diesem Gebiet vor allem die hohe Schadensintensität (bis T5, >220 km/h) und die teilweise beachtliche Breite des Ereignisses, welches sich dennoch deutlich auf eine Breite von ca. 1 km beschränken lässt. Unmittelbar südlich und nördlich davon finden sich keine besonderen Schäden - ausgenommen die Schneise von Stollberg, welche bei Brünlos in den Schadensverlauf des Mitteldorfer Ereignisses mündet. Das Muster ist plausibel für einen Multivortex-Tornado mit hoher Verlagerungsgeschwindigkeit. Das Ereignis zieht sich von Neuwüschnitz bis in den Raum zwischen Thum und Gelenau.

 

Schadensgebiet Pfaffenhain - Jahnsdorf - Meinersdorf (Gebiet 2 in Abbildung 2)


Beeindruckender Weise findet sich ca. 3-4 km nördlich des Schadensgebietes 1 eine weitere sehr schmale Schneise, welche an der Autobahn A72 beginnt und dann zwischen Pfaffenhain und Stollberg Richtung Jahnsdorf verläuft (Übersicht siehe Abbildung 2). Jahnsdorf selber wurde im Süden gestreift (dort beschädigte und abgedeckte Dächer) und dann noch Meinersdorf getroffen, wo ebenfalls Schäden im Ort aufgetreten sind und Dächer abgedeckt wurden. Die Schneise zieht sich durch einige Baumgruppen, ein Waldstück und tangiert den Waldrand südlich von Jahnsdorf. Insgesamt finden sich hier Schäden in Form eines Totalverlustes von Fichtenbestand im Waldinneren, teils auch an Waldrandbeständen. Das Schadenausmaß variiert zwischen T3 (ab 150 km/h) und T4 (bis 220 km/h). Ein detaillierter Ausschnitt aus dieser Schneise (Bereich siehe Abbildung 2) findet sich in Abbildung 5.

 

Abbildung 5 - Detaillierte Betrachtung des Schadensgebietes Pfaffenhain (zum Vergrößern Anklicken): Hier sind mit grünen Punkten die Fallrichtungen von Bäumen dargestellt. Orange sind zudem Bildpunkte eingetragen (mit Zahlen und Blickrichtung). Die Fotos dazu sind nachfolgend entsprechend der Nummerierung zu finden. Zur Legende: >T1 entspricht Windgeschwindigkeiten über 120 km/h, >=T3 mehr als 150 km/h

 

Bildpunkt 1 - Konvergentes Fallmuster im Bereich eines kleinen Sees an der B169...

 

Bildpunkt 2 - Hier sind Bäume sogar fast 180° zueinander gefallen!

 

Bildpunkt 3 - Der Baum im Vordergrund ist entgegen die Zugrichtung von Front und Sturmereignis gefallen...

 

Bildpunkt 4 - Massive Ästbrüche am Laubbestand...

 

Bildpunkt 5 - Von den Kronenabbrüchen der Birken im Vordergrund fehlt jede Spur (Verfrachtungen?)...

 

Bildpunkt 6 - Blick in den Waldbestand dahinter: Auffallend sind die konvergenten Druckschäden an den Birken, die auf ein schnellziehendes Wirbelzentrum in der Mitte hindeuten...

 

Bildpunkt 7 - Blick in den zerstörten Bestand...

 

Diese Aufnahmen sind nicht in der Detailkarte (Abbildung 5) enthalten und zeigen den weiteren Schneisenverlauf bei Jahnsdorf...

 

Blick auf die letzten Gebäude im südlichen Jahnsdorf, welche deutliche Dachschäden aufweisen - dahinter geht die Schneise im Wald weiter...


Der Fall zeigt ein deutlich konvergentes Schadensmuster und gerade bei Pfaffenhain sind in einem nur 150-200 m breiten Bereich erhebliche Schäden vorzufinden. Gerade im Bereich eines Sees entlang der B169 sind interessante Fallmuster erkennbar, wobei Bäume um 180 Grad zueinander gefallen sind. Weiterhin sind abgebrochene Baumkronen von drei Birken auf einem Feld nicht auffindbar und wohl in den benachbarten Wald hinein verfrachtet worden. Der benachbarte Wald zeigt zudem beeindruckende Druckschäden an Birken, wobei im Südteil der Schneise die Bäume nach NO gebogen und gefallen sind, im nördlichen Teil der Schneise aber die Druckschäden deutlich nach SO gehen. Die meisten gebrochenen Bäume liegen ähnlich wie im Schadensgebiet 1 Richtung O bis NO, teilweise aber auch Richtung SO oder - im Bereich des angesprochenen Sees - sogar fast nach Süden!


Weiterhin gibt es einen interessanten Augenzeugenbericht aus diesem Gebiet. Der Augenzeuge war mit seinem Auto auf der B169 unterwegs, als er von dem Ereignis erfasst wurde. Steine vom benachbarten Feld wurden dabei aufgewirbelt und haben ihm das Auto auf allen Seiten beschädigt, teils auch Seitenfenster eingeschlagen. Er selber sei im Auto in Deckung gegangen und war froh, dass im nichts passiert ist (Mitteilung Jens Uhlig über einen Feuerwehrkameraden aus Niederdorf).


Der Augenzeugenbericht, das hohe Länge-Breite-Verhältnis und die vorhandenen Schäden (Verfrachtungen, konvergente Fallmuster) deuten sehr deutlich auf einen Tornado der Stärke T4/F2 hin, welcher sich hier mit hoher Verlagerungsgeschwindigkeit Richtung OSO zur Hauptschneise (siehe Schadensgebiet 1) hin verlagert hat, sich dann bei Meinersdorf aber verliert. Ob es sich um einen Nebenwirbel des Ereignisses, welches für die Schäden im Schadensgebiet 1 verantwortlich ist, handelt, oder aber um einen eigenständigen Fall, lässt sich nicht mehr eindeutig beantworten. Allerdings ist der Abstand von 3-4 km zwischen den beiden Ereignissen durchaus beachtlich und spricht etwas gegen einen Nebenwirbel, wenngleich ein Zusammenhang letztlich nicht ausgeschlossen werden kann.


Zusammenfassung: Schmales Gebiet mit Schäden, die sehr deutlich für einen max. T4/F2-Tornado sprechen. Diese Schlussfolgerung wird hier durch einen Augenzeugenbericht noch untermauert. Nördlich und südlich des Schadensgebietes sind wieder kaum Schäden zu finden. Ob ein Zusammenhang mit dem Schadensgebiet 1 besteht (Nebenschneise eines Multivortex-Tornados), ist nicht eindeutig zu klären.


Schadensgebiet Gelenau - Venusberg - Drebach - Großolbersdorf (Gebiet 3 in Abbildung 3)


Zwei Kilometer nördlich des auslaufenden Sturmereignisses von Schadensgebiet 1 findet sich im Ort Gelenau ein neues Schadensgebiet (Übersicht siehe Abbildung 3). Dort wurden in einem schmalen Bereich Dächer beschädigt und Bäume umgeworfen. Die Schäden im Ort werden auf eine sechsstellige Höhe geschätzt. Ein Augenzeuge hat hier beobachtet, dass ein Apfelbaum nach oben aus dem Boden herausgehoben, gedreht und dann aus 2 m Höhe wieder fallengelassen wurde (genannt in: Freie Presse). Die Schäden verlaufen weiter und eng begrenzt nach Südosten über Felder. Besonders deutlich treten die Schäden zwischen Herold (Spinnerei) und Gelenau wieder hervor. Dort wurden auf 200-400 m Breite erhebliche Schäden an den Bäumen entlang der Ortsverbindung angerichtet. Auffallend ist, dass viele Bäume Richtung Osten und damit um 45 Grad versetzt zur Zugrichtung des Ereignisses (hier OSO, Front nach O) gefallen sind. Einige Bäume sind sogar 90 Grad versetzt gefallen und im Bereich der Herolder Straße sogar Bäume genau gegen die Verlagerungsrichtung des Sturmereignisses Richtung NNW. Auch Äste finden sich bogenförmig verfrachtet auf den westlich der Straße gelegenen Feldern. Richtung Venusberg zieht sich nachfolgend eine schmale Schneise durch den Wald, wo Schäden im hohen T3-Bereich (ca. 170-180 km/h), ggf. im unteren T4 Bereich (190-200 km/h) aufgetreten sind. Das Schadensgebiet verläuft  - weiterhin sehr eng begrenzt - weiter bis nach Drebach, wobei hier einige Laubbäume zwischen Venusberg und Drebach komplett entastet wurden. Der Nordteil von Drebach wurde ebenfalls stark getroffen und es gab Dach- und Vegetationsschäden im Ort. Die Schäden ziehen sich noch weiter Richtung Zschopautal, verlieren sich dann aber zunächst dort. In dem tief eingeschnittenen Zschopautal sind keine Schäden auszumachen, aber auf der Ostseite des Tals auf ähnlicher Höhe wie zuvor bei Drebach setzt die Schneise weiter an und zieht sich in schwächerer Ausdehnung noch über den Süden von Großolbersdorf und über die Straßen zwischen Warmbad und Großolbersdorf sowie Hilmersdorf und Großolbersdorf hinweg zur B174. Dort sind es vor allem Kronenbrüche, welche den Pfad des Sturmereignisses immer wieder anzeigen und seine schmale Spur markieren. Die Schäden ziehen sich noch bis in das Waldgebiet nordöstlich von Marienberg und verlaufen sich dann dort immer mehr.

 

Nachfolgend einige Aufnahmen mit einem detaillierteren Blick auf einen ausgewählten Bereich innerhalb dieser Schneise zwischen Herold, Venusberg und Gelenau (siehe auch markierter Bereich in Abbildung 3). Die Details sind in Abbildung 6 dargestellt.

 

Abbildung 6 - Detaillierte Betrachtung des Schadensgebietes zwischen Gelenau, Herold und Venusberg (zum Vergrößern Anklicken): Hier sind mit grünen Punkten die Fallrichtungen von Bäumen dargestellt. Orange sind zudem Bildpunkte dargestellt (mit Zahlen und Blickrichtung). Die Fotos dazu sind nachfolgend entsprechend der Nummerierung zu finden. Zur Legende: >T1 entspricht Windgeschwindigkeiten über 120 km/h, >=T3 mehr als 150 km/h

 

Bildpunkt 1 - Hier ein zerstörter kleiner Baumbestand auf dem Feld Richtung Gelenau...

 

Bildpunkt 2 - Detaillierter Blick auf diesen kleinen Bestand...

 

Bildpunkt 3 - Zwischen Herold und Gelenau an der Herolder Straße - hier sind Bäume um 180° versetzt aufeinander zu gefallen; der linke Baum ist entgegen der Zugrichtung des Sturmereignisses gefallen...

 

Bildpunkt 4 - Blick auf die Schneise im gegenüberliegenden Wald Richtung Venusberg...

 

Bildpunkt 5 - Erneut finden sich abweichende Fallmuster und einige Bäume liegen am Südrand der Schneise nach NO, die meisten aber nach OSO. Am Nordrand sind einzelne Bäume sogar teilweise nach Süden gefallen!

 

Bildpunkt 6 - Blick auf die Schneisenmitte...

 

Diese und nachfolgende Aufnahmen sind nicht mehr in der detaillierten Karte (Abbildung 6) enthalten und zeigen den weiteren Verlauf der Schneise - hier zwischen Venusberg und Drebach...

 

Im Ort Drebach...

 

Auch in Großolbersdorf finden sich weiterhin in einem schmalen Bereich Schäden, aber in geringerer Intensität als zuvor...


Insgesamt ist durch das hohe Länge-Breite-Verhältnis und das teilweise konvergente Fallmuster sowie das typische Muster für einen schnellziehenden Tornado (siehe auch Schadensgebiet 1) auch hier ein Tornado sehr plausibel. Unterstützt wird diese Schlussfolgerung erneut durch einen passenden Augenzeugenbericht. Dieser Fall steht wohl nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Schadensgebiet 2, da sich zwischen Meinersdorf und Gelenau keine Sturmschäden finden lassen. Allerdings ist ein zeitweiliger Bodenkontaktverlust in diesem Bereich nicht ganz ausgeschlossen. Denkbar ist eventuell auch ein Zusammenhang zu Schadensgebiet 1, wobei es sich hier um einen neuen Nebenwirbel gehandelt haben kann, welcher zunächst am plausiblen Tornadoereignis von Schadensgebiet 1 entstanden ist und danach die "Hauptrolle" übernommen hat, während sich der Tornado aus Schadensgebiet 1 rasch auflöste.


Zusammenfassung: Auch hier ist durch die schmale und lange Schadensspur und das angesprochene Schadensbild ein Tornados als Schadensursache plausibel und in dieser Form nicht durch andere Sturmereignisse (z.B. Fallböen) erklärbar. Die maximale Intensität lässt sich zwischen T3 und T4 (etwa 170-210 km/h) einordnen. Denkbar ist ev. ein Zusammenhang mit Schadensgebiet 1 und eine Entwicklung aus einem Nebenwirbel heraus oder ein Zusammenhang zu Schadensgebiet 2 unter Vorraussetzung eines zeitweiligen Verlustes des Bodenkontaktes zwischen Meinersdorf und Gelenau. 


Schadensgebiet Börnichen - Lengefeld (Gebiet 4 in Abbildung 3)


Etwa 4 km nördlich der Schadensspur von Schadensgebiet 3 lässt sich in ähnlichem Abstand wie Schadensgebiet 2 zu Schadensgebiet 1 wieder eine ausgeprägte neue Schneise erkennen (Übersicht siehe Abbildung 3). Diese zieht sich vom Waldgebiet südlich des Ortes Börnichen bis nach Lengefeld hinein. Auch hier ist wieder eine typische Schneise mit einer Breite von 200-500 m auszumachen. Gekennzeichnet ist das Schadensmuster wieder durch Bäume, die etwa 45 Grad zur Verlagerungsrichtung des Ereignisses (hier wieder OSO, Front nach Ost) gefallen sind. Einige Bäume zeigen auch Fallrichtungen von fast 90 Grad zur Verlagerungsrichtung OSO. Dazu finden sich auch gerade im nördlichen Teil der Schneise wieder Bäume, die nach SO (selten sogar Süden) hin und damit konvergent zu den übrigen Bäumen gefallen sind. Das Muster passt wieder zu einem schnellziehenden Tornado (siehe Schadensgebiet 1) und liegt gemäß der maximalen Intensität bei T3-T4 (etwa 170-210 km/h). Im späteren Verlauf hat der plausible Tornado auch Teile von Lengefeld getroffen und dort Dächer abgedeckt und Bäume entwurzelt. Wahrscheinlich löste er sich noch im Ort, spätestens über den östlich gelegenen Feldern wieder auf. Detaillierte Informationen zu diesem Schadensgebiet sind in Abbildung 7 zusammengetragen.

 

Abbildung 7 - Detaillierte Betrachtung des Schadensgebietes zwischen Börnichen und Lengefeld (zum Vergrößern Anklicken): Hier sind mit grünen Punkten die Fallrichtungen von Bäumen dargestellt. Orange sind zudem Bildpunkte eingezeichnet (mit Zahlen und Blickrichtung). Die Fotos dazu sind nachfolgend entsprechend der Nummerierung zu finden. Zur Legende: >T1 entspricht Windgeschwindigkeiten über 120 km/h, >=T3 mehr als 150 km/h

 

Bildpunkt 1 - Hier finden sich deutliche Schäden in einem Fichtenbestand...

 

Bildpunkt 2 - Blick in das Schadensgebiet hinein...

 

Bildpunkt 3 - Am Nordrand des Schadensgebietes mit Blick in einen stark geschädigten Laubbaumbestand...

 

Bildpunkt 4 - Konvergente Schäden: Äste im Vordergrund sind 45-90 Grad versetzt zu den Bäume im Hintergrund in Richtung Schneisenmitte gefallen...

 

Bildpunkt 5 - Zerstörter Bestand am Nordrand...

 

Bildpunkt 6 - Gleicher Bereich, andere Blickrichtung...

 

Bildpunkt 7 - Stark geschädigter Bestand mit erheblichen Kronenabbrüchen...

 

Bildpunkt 8 - Einige Bäume zeigen einen kompletten Ast- und Kronenverlust...

 

Bildpunkt 9 - Blick zurück in den südlichen Bereich der Schneise...

 

Bildpunkt 10 - Im Wald bei Börnichen - auch hier finden sich konvergente Schäden...

 

Bildpunkt 11 - Man beachte in diesem Bereich einmal wieder die Fallrichtung der Bäume, welche deutlich konvergent ist...

 

Bildpunkt 12 - Konfuses Fallmuster im nördlichen Bereich der Schneise...

 

Bildpunkt 13 - Blick in Richtung der Talsperre und Richtung Lengefeld, wo sich die Schneise hangabwärts zieht...

 

Inwieweit ein Zusammenhang zu Schadensgebiet 3 besteht, kann hier nur gemutmaßt werden. So ist ein Nebenwirbel nicht ausgeschlossen, aber angesichts der großen Distanz zwischen beiden Ereignissen auch ein eigenständiges Ereignis denkbar.

 

Zusammenfassung: Durch die schmale und lange Schadensspur und das angesprochene Schadensbild ist erneut ein Tornados als Ursache plausibel und in dieser Form nicht durch andere Sturmereignisse (z.B. Fallböen) erklärbar. Die maximale Intensität lässt sich zwischen T3 und T4 (etwa 170-210 km/h) einordnen. Ob ein Zusammenhang mit dem Schadensgebiet 3 besteht (Nebenschneise eines Multivortex-Tornados), ist nicht eindeutig zu klären.

 

Gesamteinschätzung zum Schadensgebiet im Erzgebirge (Stollberg - Lengefeld)


Insgesamt finden sich in einem Bereich von 30 km Länge und etwa 5 km Breite südlich von Chemnitz ausgehend von Neuwürschnitz bis Lengefeld immer wieder deutliche Schneisen mit erheblichen Sturmschäden (siehe Abbildung 2,3 und 4). Wahrscheinlichste Ursache für die Schäden in Gebiet 1 (siehe Abbildung 2,3 und 4) ist hier ein schnellziehender Multivortex-Tornado, der sich durch Nebenwirbel auszeichnet. Auch die Gebiete 2 und 4 (siehe Abbildung 2,3 und 4) zeigen sehr deutliche Tornadoschäden. Gebiet 3 (siehe Abbildung 2,3 und 4) ist ebenfalls durch einen Tornado erklärbar, der sich ev. aus einem Nebenwirbel des Tornados aus Gebiet 1 entwickelt haben kann oder aber die Fortsetzung des Tornados von Schadensgebiet 2 nach zeitweiligem Bodenkontaktverlust darstellen könnte. Auch ein neues Einzelereignis ist hier denkbar. Inwieweit die Schneisen von Gebiet 2 und 4 (siehe Abbildung 2,3 und 4) durch Nebenwirbel entstanden sein könnten, konnte nicht eindeutig geklärt werden. Neben eventuellen Nebenwirbeln von den Tornados aus Gebiet 1 und 3 sind hier auch eigenständige Ereignisse denkbar. Lokal ist auch die Beteiligung von Fallwindböen möglich, welche die Tornados flankiert haben können. Solche Schadensmuster konnten auch beim Tornado am 29.07.2005 in Erlabrunn beobachtet werden. Die Intensität der beobachteten Schäden liegt meist bei T3-T4 (150-220 km/h), lokal aber auch bei T5 (>220 km/h). Südlich dieses Schadenskorridors finden sich örtlich im Erzgebirge ebenfalls einige Sturmschäden, die aber verstreut und lokal aufgetreten sind. Hier sind Fallwindböen entlang eines Bow-Echos, welches über diese Gegend hinweggezogen ist und sich innerhalb der Kaltfront formierte, als Ursache sehr wahrscheinlich.


Wie lassen sich Tornados an dieser Stelle der Front erklären?


Warum sind gerade in diesem schmalen Korridor immer wieder Tornadoschäden aufgetreten und wie lässt sich dieses gehäufte, aber eng begrenzte Auftreten erklären? Dazu muss man sich den Frontverlauf genauer anschauen. Kurz vor 18 Uhr zog von Thüringen heraus die Kaltfront auf, welche nachfolgend auf Sachsen übergriff. Die Bedingungen für organisierte Konvektion waren an sich recht gut, zumal so nah am Tiefkern die Richtungsscherung auch in tieferen Schichten erheblich war. Das bedeutet, dass sich die Windrichtung mit zunehmender Höhe ändert, was damit Rotationsbewegungen in der Atmosphäre prinzipiell unterstützt. Auch knapp südlich des Kernes konnte die Kaltfront von einem Höhenwind um 120 km/h in der Höhe profitieren, wodurch grundsätzlich die Gefahr von Fallböen bestand (wobei diese Gefahr Richtung Franken und Nordbayern noch etwas ausgeprägter war). Die Konvektion war aber primär kaltfrontgebunden und die Gefahr separater Superzellen war gering. 


Mit dem Übergreifen der Kaltfront auf Sachsen konnte man die Entwicklung eines bogenförmigen Liniensegmentes (eines Bow-Echos) beobachten, welches in der Folge Richtung Erzgebirge hineinzog. Hier traten die besagten verstreuten Fallwindschäden im Erzgebirge auf. Im nördlichen Bereich des Bow-Echos findet aber nicht selten eine "Rückwärtsbewegung" der Wolken statt, was bei schnellziehenden Systemen aber als solche nicht einfach erkennbar ist (Wolken ziehen dort einfach etwas langsamer als an der Bowspitze). Dort besteht oft die Gefahr, dass sich ein ausgeprägtes Wirbelzentrum bildet, welches durch die vorhandene Scherung noch verstärkt werden kann. Um dieses wird nicht selten auch der Niederschlag herumgeholt, sodass sich dieser Bereich mit Niederschlag umhüllen kann (dadurch waren die Tornados wahrscheinlich auch nicht ohne Weiteres sichtbar). Gestützt wird diese These vor allem durch Radarbilder von 18:20 Uhr und 18:25 Uhr, wo im genauen Bereich der Tornados eine Zone mit marginalem Niederschlag erkennbar ist, die von starkem Niederschlagssignalen umgeben ist.

 

Hier die Radarbilder von kachelmannwetter.com:

 

https://kachelmannwetter.com/de/regenradar/erzgebirgskreis/20180923-1605z.html

 

https://kachelmannwetter.com/de/regenradar/erzgebirgskreis/20180923-1610z.html 

(kurz danach müssten sich die Tornados gebildet haben)

 

https://kachelmannwetter.com/de/regenradar/erzgebirgskreis/20180923-1615z.html 

(noch unauffällig, obwohl bereits Tornados aktiv sind)

 

https://kachelmannwetter.com/de/regenradar/erzgebirgskreis/20180923-1620z.html 

(hier aber nun mit niederschlagsschwachem Punkt östlich von Venusberg, was gut zu den Sturmschäden dort passt)

 

https://kachelmannwetter.com/de/regenradar/erzgebirgskreis/20180923-1625z.html 

(hier mit niederschlagsschwachem Punkt zw. Zschopau und Sayda, was zum Sturmereignis bei Lengefeld passt)

 

Möglicherweise steckte in diesem Bereich das Rotationszentrum des Bow-Echos und der/die im Regen versteckte/n Tornado/s. Zu Beginn dieser Entwicklung könnte es sein, dass rückseitig bei Stollberg noch ein Tornado erkennbar war. Augenzeugen aus dem Raum Hohenstein-Ernstthal berichteten sogar von erkennbarer Rotation auf der Frontrückseite in dem Gebiet. Es ist davon auszugehen, dass dies die Geburtsstunde des ersten Tornados war, der nachfolgend rückseitig auch Niederschlag um sich herumgeholt hat. Es handelte sich also wohl nicht um typische Tornados im Aufwindbereich einer Superzelle, sondern um eher dynamisch getriggerte Tornados im Rotationsbereich eines sich entwickelten Bow-Echos auf der Nordseite. Tatsächlich lassen sich auch in anderen Fällen, beispielsweise im Schadensfall Bamberg, ähnliche Gegebenheiten vorfinden und auch hier ist das Schadensgebiet mit den schwersten Schäden im nördlichen Bereich eines Bow-Echos (welches im Raum Würzburg erhebliche Fallwindschäden verursachte) zu finden.


Fazit der Analyse


Ich gehe nach der Betrachtung der Schäden von einen Multivortex-Tornado (Tornado mit mehreren Nebenwirbeln) und/ oder mehreren Tornados im Bereich Neuwürschnitz-Lengefeld aus, die maßgeblich für die Schäden verantwortlich waren. Das Schadensausmaß ist erheblich und erreicht Spitzenintensitäten von T5 (über 220 km/h). Die Gegebenheiten waren an diesem Tag sehr günstig für die Bildung von Tornados, wobei ich im expliziten Fall von einer Tornadobildung an einem Rotationszentrum im nördlichen Bereich eines Bow-Echos ausgehe. Insgesamt ist bezgl. des Rotationszentrums von einer Lebensdauer von etwa 30 min auszugehen.

 

© Michel Oelschlägel

Datum: 15. Dezember 2018

                  

Homepages selbst erstellen