Unwetter am 13.06.2015 mit Starkregen, Hagel und Sturm durch Tief Michel

 

Nach einem bisher sehr trockenen Jahresverlauf für Sachsen wurde ab dem 11.6. zunehmend schwül-heiße Luft nach Mitteleuropa transportiert. Ursache war das Tief Michel über der Biskaya, welches in den Folgetagen mit zahlreichen separaten Druckkernen fast ganz Europa beeinflusste. Erste Gewitter gab es in Sachsen bereits in der 2. Nachthälfte des 12.6., da ein kleiner Kaltlufttropfen (Höhentief) Deutschland überquerte und dabei langsam auch in den Bereich der advehierten Warmluft von Tief Michel lief. Allerdings waren diese Gewitter mit lediglich max. 1-2 Blitzen pro Minute nicht sonderlich stark, allerdings gab es teils recht heftigen Starkregen. Dabei kamen mancherorts 10-15 mm in 1 h zusammen.


Im Tagesverlauf verlagerte sich der Kaltlufttropfen weiter nach Osten und verursachte vor allem über Polen in Verbindung mit der inzwischen eingeflossenen energiereichen Warmluft heftige Gewitter. Über Sachsen blieb es an dem Tag lediglich bei kleineren Schauern und ganz vereinzelt kurzen Gewittern am Erzgebirgskamm, da es trotz gewitterträchtiger Luft keinen Hebungsantrieb gab. Anders sah dies im Südwesten Deutschlands und über Frankreich aus, wo eine Konvergenz vor der Kaltfront von Tief Michel heftige Gewitter auslöste. Die Gewitter zogen recht langsam, wodurch es teilweise hohe Niederschlagssummen gab und in wenigen Stunden teils >50 mm Niederschlag fielen, teils auch Hagel bis 3 cm im Durchmesser. Das blieb nicht ohne Folgen und führte zu zahlreichen Feuerwehreinsätzen, insbesondere wegen Überflutungen, vollgelaufener Keller und lokal auch wegen umgestürzter Bäume. Über den Abend hin schwächte sich die konvektive Aktivität deutlich ab, lediglich über Bayern entwickelten sich noch einige Schauer und Gewitter, welche unter deutlicher Abschwächung bis zum Morgen des 13.6. sogar noch bis Thüringen und Sachsen ausgriffen.


Der 13.6. startete in Sachsen anfangs sonnig und sehr drückend warm. Die angesprochenen Restschauer aus Bayern zogen am Vormittag noch über den Westen Sachsens, bevor es nachfolgend wieder einstrahlen konnte. Die Luft war ausgesprochen feucht und die Taupunkte lagen vielfach bei 17-20°C bei gleichzeitigen Temperaturen von 27-30°C. Erste Gewitter löste es in Sachsen gegen 11:30 Uhr bei Zwickau aus. Nachfolgend bildeten sich im Erzgebirgsvorland immer wieder neue Zellen. Gegen 12:30 Uhr begann es auch zwischen Eppendorf und Oederan zu brodeln und ich fuhr der Neuentwicklung entgegen. Diese wurde gegen 12:45 Uhr bereits blitzaktiv und es begann an meinem Standort nahe Gahlenz heftig zu regnen. Immer wieder gab es einen Naheinschlag und neben dem heftigen Starkregen gab es auch bald die ersten Hagelkörner, welche ca. 1 cm groß waren. Das Gewitter zog anschließend langsam Richtung Freiberg weiter.

 

Neuentwicklung bei Eppendorf gegen 12:30 Uhr

 

Erste Blitzaktivität lässt nicht lange auf sich warten...

 

ausfallender Niederschlag

 

langsam verschwindet der Ort Gahlenz im Regen

 

Starkregen, heftige Böen und zeitweise Hagel bis 1 cm im Durchmesser

 

Ich blieb an der Zelle dran und positionierte mich auf einer exponierten Freifläche nahe Linda, einem Ortsteil von Brand-Erbisdorf. Das Gewitter lag genau über mir und es gab ständig heftige Naheinschläge aus der mittlerweile recht aktiven Zelle. Zwar gab es bei mir am Standort nur etwa 5 sichtbare Entladungen pro Minute (laut Blitzanalyse bei kachelmannwetter.com teils >10 Entladungen pro Minute aus dem Gewittersystem), aber es waren nahezu alles Naheinschläge. Besonders beeindruckend waren 2 Einschläge in eine Stromtrasse, die etwa 50-100 m von mir entfernt verlief. Ein Blitz schlug direkt neben mir in den Strommast ein, wodurch es beim benachbarten Strommast eine helle Explosion sowie Funkenflug gab. Weniger später wiederholte sich das hinter mir bei einem Strommast, wobei diesmal der getroffene Mast in einem hellen Lichtblitz aufging. Kurze Zeit später setzte wieder großtropfiger, heftiger Starkregen gepaart mit Hagel bis 1 cm ein. Ich fuhr nachfolgend Richtung Freiberg zurück.

 

Nach Blitzschlag in den benachbarten Strommast gibt es eine helle Explosion...

 

...

 

5 Videostandbilder zum Blitzeinschlag in die Stromtrasse, welche den Verlauf der Explosion zeigen...

 

Blitzentladung Richtung Oberschöna

 

dicktropfiger Starkregen mit zeitweise kleinem Hagel um 1 cm


In Freiberg waren einige Ampelanlagen durch das Gewitter ausgefallen. Zugleich war durch Blitzschlag die Schrankenanlage in Kleinschirma defekt und die Schranken blieben geschlossen und öffneten nicht mehr. Während sich die erste kräftige Zelle langsam abschwächte, fuhr ich Richtung Oederan, da sich dort neue Gewitter entwickelten. Umleitungsbedingt konnte ich den heftigsten Kern der neuen heftigen Gewitterzelle bei Augustusburg-Zschopau nicht rechtzeitig erreichen, allerdings kam ich gegen 14 Uhr bei Langenstriegis in den nördlichen Teil der Multizelle. Dort hielt ein blitzaktiver Kern direkt auf mich zu. Es gab gewaltige Erdentladungen aus dem Gewitter. Unter Abschwächung erreichte der nördliche Gewitterkern meinen Standort und es gab Sturmböen und heftigen Starkregen.

 

Gewitter über der Region Flöha - Zschopau

 

Blitzentladungen aus dem Nordteil der Multizelle - zeitgleich wird die Stadt Zschopau vom Südtteil heftig erwischt...

 

Bilder weiterer Entladungen...

 

 

 

 

 

Unter Abschwächung zieht das Gewitter mit Sturm und Starkregen über meinen Standort hinweg...


Ich verlegte nachfolgend rasch über Oederan wieder Richtung Linda/ Brand-Erbisdorf, da sich zwischen Freiberg und Oederan neue Gewitter entwickelten. Ein heftiger Kern lag bereits über Oberschöna nahe Freiberg, aus dem sich ein deutlicher Downburstfuß entwickelte. Ein weiterer neuer Kern entwickelte sich direkt vor dem oben angesprochenen Gewitter in der Region um Zschopau, welches dort mittlerweile für erhebliche Wasserschäden sorgte. Langsam schloss sich zunehmend die Lücke zwischen der Oberschönaer Zelle und dem Zschopauer Gewitter und es entstand ein neuer heftiger Niederschlagskern innerhalb des mittlerweile großen Gewittersystems über Mittelsachsen. Gegen 14:30 kam ich in Linda/ Brand-Erbisdorf in den Starkregen dieser angesprochenen Entwicklung. Das Ganze entwickelte sich zu einem heftigen Wolkenbruch, gepaart mit einzelnen Hagelkörnern bis 1 cm.

 

Neuentwicklung bei Oederan direkt zwischen 2 Gewitterzellen

 

Nordöstlich liegt der Core eines Gewitters mit Downburst bei Oberschöna

 

Südwestlich die Zschopauer Zelle - hier ist bereits ausfallender Niederschlag aus der Neuentwicklung zu sehen

 

Durch die Neuentwicklung wird die Lücke zwischen den Zellen geschlossen und es entsteht ein massives Gewittersystem, welches von Freiberg bis ins Erzgebirge reicht. Mittlerweile setzt auch in Linda nahe Brand-Erbisdorf Starkregen und Hagel ein (Bild)... 

 

Ich fuhr von Linda Richtung Oberschöna weiter und anschließend nach Freiberg. In Oberschöna gab es sehr heftigen Starkregen und auch einige abgebrochene Äste lagen am Boden. Immer wieder gab es kräftige Blitzentladungen, wobei man viele Blitze im Starkregen gar nicht wahrnehmen konnte. Die Blitzanalyse bei kachelmannwetter.com registrierte >30 Entladungen pro Minute in diesem Gewitter, darunter sehr kraftvolle Erdentladungen.

 

Heftiger Starkregen in Oberschöna...

 

...führt zu erheblichen Wasseransammlungen auf den Straßen.


Auf dem Weg Richtung Freiberg kam ich kurz vor Freiberg nahe Kleinschirma in einen beeindruckend extremen, kleinen Niederschlagscore, welche mit dichtem Hagel bis 1,5 cm und Sturmböen einherging. Man konnte selbst mit Schrittgeschwindigkeit kaum weiterfahren, viele Autos suchten unter Bäumen Schutz vor Hagel und Regen. Nach wenigen hundert Metern und kurz vor dem Ortseingang Freiberg ließ der Wolkenbruch fast schlagartig nach und es gab nur einige Regentropfen.

 

Fahrt von Oberschöna nach Freiberg - einsetzender Downburst

 

Extremer Starkregen und dichter Hagel bis 1,5 cm setzen ein...

 

Die Weiterfahrt ist - wenn überhaupt - nur im Schritttempo möglich...

 


Ich fuhr zurück nach Kleinschirma, diesmal aber direkt in den Ort. Erneut setzte Hagel bis 1,5 cm und Starkregen ein - einige Berichte aus dem Gebiet sprechen auch von bis zu 2 cm großen Körnern. Allerdings war der Niederschlag nicht mehr so stark wie kurz zuvor. Ich fuhr weiter durch Kleinschirma. Überall floss Wasser von den umliegenden Feldern in den Ort. Kleine Abflussgräben entwickelten sich zu mächtigen Bächen und überfluteten Grundstücke und Häuser. Gerade der Dorfbach im Ort führte Hochwasser (normal etwa 5-10 cm, stieg auf teils gut einen Meter an) und flutete umliegende Grundstücke. Durch Hangwasser und Gerölllawinen liefen zudem Keller voll und Straßen wurden überflutet. Überall sah man abgebrochene Äste, zwischen Kleinschirma und Kleinwaltersdorf fiel sogar ein Baum durch den Sturm auf die Straße. Gerade im Nachbarort - wie ich kurz darauf erfahren habe - war die Situation noch schlimmer und Wasser bereitete an vielen Stellen im Ort sehr viel Arbeit für die Feuerwehr. Der Dorfbach stieg dort von regulär 5-10 cm auf teils >70 cm, wobei einige kleinere Zuflüsse gar auf etwa 1 m anstiegen. Nicht nur der Bach trat an einigen Stellen über seine Ufer. Insbesondere Schlamm- und Gerölllawinen führten hier zu erheblichen Behinderungen.

 

Hagel bis 1,5 cm im Durchmesser in Kleinschirma

 

Überflutungen im Ort

 

Der Dorfbach führt Hochwasser...

 

Von den Felder bahnen sich Schlamm und Geröll den Weg ins Tal...

 

 

 

Im Vordergrund sind Schlamm und Wasser von einem Feld zu sehen, im Hintergrund sind die Uberflutungen durch den Dorfbach zu erahnen...

 

Zwischen Kleinschirma und Kleinwaltersdorf fiel in Folge des Sturmes ein Baum auf die Straße...


Ich fuhr anschließend Richtung Eppendorf und von dort Richtung Sayda, um weitere starke Zellen aus dem mittlerweile großen Gewittersystem über Mittelsachsen einzufangen. Gerade dieser südlichere Bereich entwickelte sich zunehmend stark, während sich der Nordteil langsam abschwächte. Allerdings schwächten sich diese Zellen im weiteren Verlauf auch langsam ab, während ich Richtung Erzgebirgskamm fuhr. Für ein paar Blitzaufnahmen reichte es noch.

 

Gewitter über der Region Mittelsaida - Dörnthal

 

Blitzentladungen, aufgenommen nahe Lippersdorf

 

 

Währenddessen entwickelte sich über Tschechien eine sehr heftige Zelle am Südende des zunehmend verclusternden Systems über Mittelsachsen. Gegen 16:15 Uhr dokumentierte ich den Aufzug der Zelle südlich von Frauenstein aus. Das Gewitter was ausgesprochen dynamisch und Rotation war selbst auf diese Distanz hinweg zu erahnen und wurde durch die getätigten Videoaufnahmen später bestätigt. Zugleich lieferte auch das neue Dopplerradar (kachelmannwetter.com) deutliche Hinweise auf Rotation. Man kann also bei dieser Zelle von einer Superzelle ausgehen. Das System produzierte zuvor nahe Chomutov (in Klášterec nad Ohří) Hagel bis 4 cm im Durchmesser und große Hagelmengen. Da das Gewitter nun über kaum zugängliches Terrain zog, dokumentierte ich die Zelle aus der Ferne. Es gab zahlreiche Blitzentladungen, und dabei sah man nur die intensivsten Blitze. Blitzeraten von deutlich >30 Blitze pro Minute (nach kachelmannwetter.com) brachte die Zelle wohl hervor, von denen man insbesondere die sehr kraftvollen Erdentladungen gut sehen konnte. Viele der Wolkenblitze blieben im Tageslicht allerdings verborgen. Es donnerte pausenlos, eine beeindruckende Stimmung. Etwas später gab es eine positive Erdentladung aus dem Amboss heraus, welche nahe Frauenstein einschlug (man bedenke, dass der Gewitterkern zu diesem Zeitpunkt südlich der Grenze zu Tschechien lag, also etwa 15 km entfernt). Ein gewaltiger Donner ließ die Luft erzittern. Langsam zog das Gewitter südlich an mir vorbei und begann sich kurz vor Altenberg abzuschwächen.

 

Blitzentladungen aus der Superzelle südlich des Erzgebirgskammes in Tschechien

 

Nachfolgend eine Auswahl an Blitzaufnahmen aus dem Gewitter...

 

 

 

Blick auf die Aufwindbasis der Superzelle

 

 

 

 

 

 

Ich kehrte nun um und fuhr Richtung Freiberg zurück. Ab und an gab es noch einzelne kräftige Blitzentladungen aus dem mittlerweile recht weit ausgreifenden Regengebiet, welches die Gewitter hinterlassen hatten und welches ein Segen für die Natur nach der langen Trockenheit war. Bei Kamenz hatte sich derweil eine heftige Hagelzelle (ev. Superzelle) gebildet, welche mit Hagel bis 3 cm und heftigen Starkregen in Kamenz für erhebliche Schäden sorgte. Von Westen zogen aus Thüringen noch kräftige Gewitter herein, welche zuvor auch vereinzelt Hagel bis 3 cm Durchmesser hervorgebracht hatten - darunter waren auch einige Superzellenverdachtsfälle. Diese schwächten sich aber Richtung Mittelsachsen langsam ab, da dort die Entwicklungen zuvor die Energie der Luftmasse bereits verbraucht hatten und es dort merklich abgekühlt hatte. Im Laufe des Abends beruhigte sich langsam die Gewitteraktivität in Sachsen und die Gewitter und Regenfälle verclusterten immer weiter, bis sie schließlich Richtung Polen abzogen.


Die Bilanz dieses Unwettertages in Sachsen waren zahlreiche Feuerwehreinsätze aufgrund des Starkregens. Zahlreiche Keller liefen voll, Grundstücke und Straßen wurden überflutet, teilweise unterspült. Besonders heftig traf es die Region um Zschopau, Annaberg und die Ortsteile von Oberschöna westlich von Freiberg sowie Kamenz. Gerade um Zschopau wurden Straßen durch das Wasser beschädigt. Vielfach richteten auch Blitzeinschläge Schäden und Stromausfälle an, allein in Mittelsachsen saßen ca. 5000 Haushalte im Dunkeln, einige davon bis zum Abend. Mancherorts mussten auch umgestürzte Bäume beräumt werden, wie in Kleinschirma, Kretscham-Rothensehma oder Gehringswalde. In Tschechien gab es zudem auch größere Hagelschäden an Fahrzeugen durch bis zu 4 cm große Hagelkörner. Zudem gibt es mehrere Superzellenverdachtsfälle und auch die 2. Freiberger Zelle, welche die Gebiete um Kleinschirma und Kleinwaltersdorf flutete, zeigte zeitweise deutliche Rotation. Durch die Gewitter kamen in 1-3 h teils >50 mm, lokal >70 mm zusammen. In Tschechien summierte sich die Niederschlagsmenge sogar auf >100 mm (Klášterec nad Ohří). Die Stundensummen lagen dabei teilweise bei >50 mm mit noch heftigeren kurzzeitigen Regenraten. So vielen teilweise >10 mm in 5 min.


Mit den Gewittern wurde kühlere, trockene Luft nach Mitteldeutschland geführt und die feuchtwarme Gewitterluft konnte sich nur in Tschechien und in Süddeutschland noch halten. Am 14.6. gab es in dieser Luft nochmals heftige Unwetter, welche teilweise Niederschlagsmengen von >50 mm, vereinzelt sogar >100 mm in wenigen Stunde hervorbrachten und erhebliche Schäden und Erdrutsche verursachten. Auch in Tschechien gab es nochmals heftige Gewitter mit bis zu 3 cm großen Körnern und Regenmengen bis 60 mm in 1-2 h. Erst am 15.6. änderte sich das Wetter und trockene Luft flutete ganz Deutschland. Regen konnte sich nur noch im Süden halten und Tief Michel zog nach Osten ab.


Nachfolgend noch das Video von den Ereignissen am 13.06. in Mittelsachsen:

 

(externer Link: https://www.youtube.com/watch?v=8wu0icxNtSs)

 

© Michel Oelschlägel  

Datum: 23. Juni 2017

                  

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