Analyse des Orkan- und Tornadoereignisses vom 14.8.03

 

Bilderbericht vom Durchzug der Superzelle

 

Nach dem sogenannten "Rekordsommer" in der ersten Hälfte im August 2003 begann sich die Hochdrucklage über Deutschland ab dem 12. August immer weiter zu destabilisieren. Kühlere Luft wurde nach Zentraleuropa geführt, welche in Verbindung mit einem ausgeprägten Jet auch Deutschland beeinflusste. Bereits am 13.8.2003 gab es in Sachsen erste kräftige Gewitter und einen Tornado bei Forchheim. Diese erste schwache Kaltfront zog im Tagesverlauf des 13.8. weiter südöstwärts. Am 14.8.2003 lag eine weitere Luftmassengrenze und eine sehr kräftige Höhenströmung genau über Mitteldeutschland und den ostdeutschen Mittelgebirgen, speziell dem Erzgebirge.

 

Die Temperaturen erreichten an diesem Tag verbreitet 25 °C im Westerzgebirge. In einem Streifen von Thüringen bis ins südliche Sachsen hinein kam es ab 14 Uhr zu verbreiteter Konvektion. Die spätere "Tornadozelle" im Erzgebirge entstand als eine der ersten gewittrigen Zellen an diesem Tag gegen 15 Uhr westlich von Plauen. Eine rasche Verstärkung erfolgte innerhalb der nächsten halben Stunde, wobei die Zelle nun die Talsperre Pöhl erreichte und dort bereits mit Orkanböen bis 130 km/h einherging. Diese Zelle, welche mittlerweile auch höchste Radarreflektivität erreichte, zog anschließend Richtung südost deutlich aus der vorherrschenden Höhenströmung heraus und bewegte sich auf den Landkreis Aue-Schwarzenberg zu. Obwohl die Bedingungen wie Cape oder LI nicht gerade sehr günstig waren, konnte sich eine kräftige HP-Superzelle bilden. Sicherlich hat hier die Orographie anfangs bei der Zellenbildung etwas mitgeholfen, wobei durch die markante Zunahme der Höhenwinde die Scherung nicht unerheblich war und eine organisierte Konvektion soweit auch nicht ausgeschlossen war, wie sich im speziellen Fall auch bestätigte. Im Landkreis Aue-Schwarzenberg traten neben heftigem Starkregen und Hagel bis 3 cm auch schwere Orkanböen auf. Besonderes Augenmerk richtet sich dabei auf 2 Schadenspunkte im Landkreis, einmal bei Schönheide und einmal bei Rittersgrün und Pöhla. In beiden Fällen wurde in den Medien von einer Windhose gesprochen. Im weiteren Fortlauf dieser kurzen Analyse soll dabei noch genauer darauf eingegangen werden. Im weiteren Verlauf zog die Zelle über den südlichen Teil des Landkreises Annaberg Richtung Tschechien. Besonders erwähnt sei hierbei die Messung einer 172 km/h Spitzenböe auf dem 1214 m hohen Fichtelberg im Landkreis Annaberg. Auch in Tschechien gab es durch diese Superzelle verbreitet Orkanmeldungen, dazu auch Informationen über Sturmschäden.

 

Superzelle, Gesamtpanorama - aufgenommen aus Erla-Crandorf

 

Die Superzelle war ausschließlich durch die starken Sturmereignisse markant, großen Hagel gab es nicht, die maximale Körnung lag bei 3 cm und wurde bei Rittersgrün und Sosa erreicht. Folgend eine Liste mit den markanten Spitzenböen, verursacht durch diese Zelle (die ungenaueren Angaben mit "ca 130 km/h" stammen aus der örtlichen Presse!):

 

 Fichtelberg (Landkreis Annaberg)  172 km/h
 Tusimice (Tschechien)  144 km/h
 Johanngeorgenstadt (Landkreis Aue-Schwarzenberg)  ca. 130 km/h
 Rittersgrün  ca. 130 km/h
 Talsperre Pöhl und Umland  ca. 130 km/h
 Morgenröthe-Rautenkranz  102 km/h

 

Folgend noch eine Karte, welche die permanent hohen Windgeschwindigkeiten in Verbindung mit dieser Zelle zeigt, ebenso wie die beiden Tornadoverdachtsfälle und markante Downbursts (siehe Tabelle oben):

 

 

Die Zelle wies zudem eine hohe Verlagerungsgeschwindigkeit auf. Dennoch fielen in den 5-10 Minuten, in welcher die Superzelle vorrüberzog, bis zu 15 Liter Regen auf den Quadratmeter. Die Temperatur kühlte sich in dieser Zeit von 25 °C auf 15 °C ab!

 

Doch nun zu den beiden Tornadofällen:

 

Tornado 1: Stützengrün, Schönheide, Blauenthal, Sosa

 

Der erste Tornado entstand kurz vor 16 Uhr in Stützengrün, wo er eine komplette Pappelallee "abrasierte". Dabei wurden auch zahlreiche parkende Autos beschädigt. Für dieses Ereignis gab es mehrere Augenzeugen, welche einen Tornado erkannt haben wollen. Die Schäden an den Dächern der umliegenden Häuser hielten sich in Grenzen, allerdings lag auch keines davon in der direkten Zugbahn des Tornados. Zudem wurden hier sämtliche Strom- und Telefonleitungen zerstört, sodass der betroffene Ortsteil erst am nächsten Tag wieder an das Stromnetz angeschlossen werden konnte. Die Trombe zog anschließend weiter durch den Schönheidner Forst, wo im Durchzugsgebiet kein Baum stehen blieb. Der Durchmesser der Schneise variierte zwischen 10 und 50 m. Mit kleineren Unterbrechungen (kein Bodenkontakt) bewegte sich der Tornado nun am Ort Blauenthal vorbei bis fast nach Sosa, wo er sich schließlich auflöste. Die Forst-Schäden durch diesen Tornado liegen bei ca. 4000 Festmetern Bruchholz.

 

 

Tornadoschaden bei Blauenthal (Foto: Andreas Krause)

 

Aufgrund des deutlich konvergenten Fallmusters sowie zahlreicher Augenzeugen ist hier gesichert von einem Tornado auszugehen. Die Stärke dieses Ereignisses würde ich auf maximal T4/F2 festsetzen.

 

Tornado 2: Rittersgrün, Pöhla

 

Der 2. Tornado dürfte sich etwa 16:10 gebildet haben. Dieser zog anschließend durch das Pöhlwasserthal vom Ortsausgang Rittersgrün bis nach Pöhla. An der Breitenbrunner Straße in Rittersgrün wurden 2 Ahornbäume entwurzelt, mehrere Eschen anschließend in der Nähe der Rittersgrüner Kirche sowie noch eine Fichte und ein Fliederbaum an der Kirchstraße. Anschließend wurde am Ortseingang Pöhla ein mit Fichten bewachsener Hang komplett "abrasiert", kein Baum hatte dort dem Tornado stand halten können. Mehrere Autos wurden zudem durch herumfliegende Trümmer oder umstürzende Bäume beschädigt. Für diesen Tornado gibt es wieder mehrere Augenzeugen. Zum Zeitpunkt der Superzellpassage in Schwarzenberg war ich wegen einer Hornissenumsiedlung in Crandorf (zwischen Erla und Pöhla). Von dort aus habe ich die Zelle auch auf Video festgehalten. Beim Durchsehen des Videomaterials ist mir zudem auch etwas "Verdächtiges" aufgefallen. Die Blickrichtung auf dem Fotos ist Richtung Süden. Dort ist vor dem Niederschlagsbereich des Gewitters (unter der Wallcloud der HP-Superzelle) eine interessante Struktur zu erkennen - möglicherweise handelt es sich hier um den Tornado, welcher in Rittersgrün und Pöhla für erhebliche Schäden sorgte.

 

Videostills - unbearbeitet

 

Videostills - kontrastverstärkt

 

verdeutlichende Skizzierung der Strukturen

 

Alles in allem ist auch in diesem Fall von einem gesicherten Tornado auszugehen, da es neben Augenzeugen auch für sich sprechende Schadensindizien gab. Die Intensität würde ich bei T3/F1 einkalkulieren.

 

In Rittersgrün gab es desweiteren noch markante Sturmschäden durch Böen bis 130 km/h, ebenso auch in Johanngeorgenstadt. Dort wurden ebenfalls zahlreiche Bäume vom Orkan geknickt. Auch in Erlabrunn, Breitenbrunn und Eibenstock wurden mehrere Feuerwehren wegen umgestürzter Bäume alarmiert. Sehr bedrohlich war die Situation vorher auf der Talsperre Pöhl. Dort wurden auf der Schlosshalbinsel zwei 14-jährige Kinder von einem umstürzenden Baum schwer verletzt. Mehrere Boote kenterten zudem auf der Talsperre, ein Bootsführer müsste von der Feuerwehr geborgen werden. Auch hier wurden zahlreiche Bäume entwurzelt, mehrere Straßen waren mehrere Stunden unpassierbar. Auch in Tschechien gab es mehrere Sturmschäden, dabei wurden bei Tusimice auch mehrere Dächer abgedeckt. Ob es sich hierbei auch um ein Trombenereignis handelt, konnte nicht mehr ermittelt werden.

 

Die Gesamtschäden im Forstbereich des Landkreises Aue-Schwarzenberg beziffern sich auf >10.000 Festmeter. Dazu kommen noch mehrere Dach- und Fahrzeugschäden. Glücklicherweise lag kein Gebäude direkt im Durchzugsbereich der Tornados.

 

Alles in allem kann man also durchaus von einem schweren Unwetter sprechen, welches sich nicht wie die beiden anderen Superzellen im Jahre 2003 durch sehr großen Hagel, sondern durch Tornados und Orkanböen im Gedächnis der Menschen hier festgesetzt hat.

 

 

© Michel Oelschlägel

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Datum: 1. Mai 2017

                  

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