Analyse des Orkans Kyrill (16.1.07-20.1.07)

 

Orkan Kyrill war in weiten Teilen Deutschlands der schlimmste Orkan seit mind. 20 Jahren. Teilweise war er in einigen der betroffenen Regionen sogar ein geschichtsträchtiger Sturm. So wurde beispielsweise in Nordrhein-Westfalen der schlimmste Forstschaden durch einen einzelnen Sturm angerichtet, der so dort jemals beobachtet wurde. Doch was war das Besondere an diesem Sturm?

 

Der Orkan entwickelte sich am 16. Januar an der Ostküste der USA über dem freien Atlantik und verstärkte sich bis zum 17. Januar bereits zu einem Sturmtief. Aufgrund des sehr ausgeprägten Jetstreams wurde das gesamte System sehr rasch über den Atlantik Richtung Europa transportiert, wobei sich das Tief immer weiter vertiefte. Am Morgen des 18. Januar erreichte der Kern von Kyrill die britischen Inseln, wobei der Kerndruck nun bei 966 hPa lag (Minimum lag später bei 961 hPa). Der damit verbundene Druckgradient führte zur Entstehung eines gewaltigen Orkanfeldes südlich des Kerns, welches in Großbritannien bereits schwere Schäden anrichtete. Dieses gewaltige und besonders große Orkanfeld wird sehr gut durch folgende Animation des amerikanischen Wettermodells GFS deutlich, welches diesen Orkan sehr gut und genau vorhersagen konnte.

 

Animation der 850 hPa-Winde bei der Passage des Orkans Kyrill (© www.wetterzentrale.de)

 

Die Warmfront erreichte in diesen Stunden auch Westdeutschland. Im Bereich dieser Warmfront regnete es äußerst ergiebig. Teilweise fielen in Westdeutschland, besonders in Niedersachsen und Nordrheinwestfalen, zwischen 30-50 Liter in 12 h. Die Warmfront schwächelte Richtung Osten etwas, sodass dort die Niederschlagsmengen deutlich niedriger ausfielen. So wurden im Westerzgebirge teilweise nur 5 Liter bis zum Abend gemessen.

 

Mit Passage der Warmfront, welche auch zu einem deutlichen Temperaturanstieg bis 15 °C in der Bundesrepublik führte, nahm auch der Wind rasch zu. Ab Mittag gab es in Deutschland die ersten orkanartigen Böen, welche sich rasch in den Orkanbereich steigerten. Im Warmsektor kamen die Böen übrigens aus Südwesten.  

 

Ab 14 Uhr gab es in Sachsen bereits die ersten orkanartigen Böen auch im Flachland. Schon wenige Stunden später, gegen 16 Uhr, hatten diese sich in den Orkanbereich gesteigert. Bereits im stabilen Warmsektor erreichten die Höhenwinde in 850 hPa (1500 m) bis zu 90 kn. Diese werden durch die stabil geschichtete Atmosphäre im Warmsektor jedoch eigentlich nicht vollständig heruntergemischt, doch gerade in den bergigen Regionen sowie den Bereichen darum herum wurde die Luftschicht teils föhnbedingt destabilisiert. Dadurch gab es beispielsweise im Erzgebirge sowie in Sachsen und Thüringen im Warmsektor schon zahlreiche Orkanböen. Diese steigerten sich bis 20 Uhr. Dann erreichten die Böen im sächsischen und thüringischen Flachland verbreitet 120-140 km/h. In den Bergregionen ab 600 m wurden verbreitet extreme Orkanböen von 140-180 km/h erreicht, in den Gipfellagen des Erzgebirges sogar über 180 km/h. Wie man beim Vergleich mit den insgesamt gemessenen Spitzenböen erkennt, wurden in Sachsen sowie auch in Thüringen bereits im Warmsektor die extremen Maximalböen erreicht. Mit der Kaltfront, welche rückseitig Richtung Südosten zog, wurden auch in allen restlichen, orographisch bisher ungünstigen Gebieten extreme Orkanböen aus dem 850er Niveau heruntergemischt. Zudem organisierte sich die Kaltfront zunehmend, vor allem in Ostdeutschland gab es Bowstrukturen und teils heftige Gewitter, deren hohe Blitzaktivität schon fast an schwere Sommergewitter erinnerte. Durch eine zudem extreme Windscherung traten mehrere Tornados im Bereich dieser entstandenen Squallline auf. Ein besonders starker F3-Tornado verwüstete dabei Teile der Lutherstadt Wittenberg in Sachsen-Anhalt. Daneben gab es teilweise Hagel und extremen Platzregen.

 

Das Besondere an der Kaltfront war teilweise auch der extrem hohe Mittelwind von Bft 11. und Bft 12 im einminütigen Mittel. Nach Durchzug der Kaltfront gab es eine trügerische, kurzzeitige Beruhigung, wobei der Wind mit der Kaltfrontpassage von SW auf W drehte, anschließend sogar auf NW. Der Trog, der nun hereinschwenkte, führte aber vor allem in den mittleren und nördlichen Gebieten der Bundesrepublik zu einem erneuten Aufleben des Orkans. Dieser Trogorkan in labiler Luft führte nun auch im Tiefland nochmals verbreitet zu Orkanböen. So wurden nun auch die 146 km/h in Berlin-Adlershof gemessen. Vor allem in Brandenburg, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt gab es nun noch einige neue Spitzenböen. In Sachsen erreichten diese Orkanböen jedoch meist nicht mehr ganz die Intensität von den Böen aus dem Warmsektor und der Kaltfront.

 

Die volle Wucht des Orkans entlud sich vor allem in NRW, Niedersachsen, Sachen-Anhalt, Thüringen, Sachsen und Brandenburg sowie Nordbayern. Dort wurden teilweise ganze Waldstücke vom Orkan niedergewälzt. Sowohl der Warmsektor als auch die Kaltfront und der Trog führten verbreitet zu Orkanböen von teilweise über 140 km/h, auch im Flachland. Etwas weniger schlimm war die Lage in Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern.

 

Dennoch wurden durch das extrem ausgeprägte, sehr große Orkanfeld, welches über Deutschland auf einem Druckgradienten von ca. 50 hPa beruhte, in allen Landesteilen verbreitet orkanartige Böen und Orkanböen gemessen. Die verursachten Schäden liegen allein in Deutschland bei mindestens 3,5 Milliarden Euro. Neben Großbritannien wütete der Orkan vor allem in den deutschen Nachbarländern, vor allem in Belgien, Holland, Polen und Tschechien mit aller Härte. In Nord-Tschechien gab es die größten Sturmwürfe, die jemals durch einen Orkan verursacht wurden. Europaweit belaufen sich die Schäden auf 6-8 Milliarden Euro. Ca. 59 Millionen Kubikmeter Holz wurden dabei europaweit gefällt, allein in Deutschland waren es etwa 37 Millionen Kubikmeter (Stand 18.1.08). Besonders betroffen waren vor allem auch die Regionen, in welchen es zuvor massiv geregnet hatte. Durch die Bodenaufweichung konnte der Sturm noch größere Schäden verursachen. So waren es beispielsweise in NRW allein schon etwa 16 Millionen Festmeter Sturmholz und ganze Wälder wurden zerstört. Aber auch in den diesertags "trockenen" Regionen, wie dem West-Erzgebirge, reichten die extremen Orkanböen allein schon für Flächenwürfe aus. Die höchste, europaweite Windgeschwindigkeit wurde in der Schweizer Aletschregion mit 225 km/h gemessen.

 

verbreitete Sturmschäden in den Wäldern nach Kyrill

 

Es zeigt sich, dass Orkan Kyrill ein außerordentliches Ereignis war, welches sich so mit in die schwersten historischen Orkanereignisse in Deutschland und Europa einreiht. Durch diesen Orkan starben in Europa 49 Menschen, davon 13 in Deutschland.

 


Einige ausgewählte Spitzenböen in Deutschland durch Orkan Kyrill (>118 km/h)


202: Wendelstein (Bayern) 1832m 
198: Brocken (Sachsen-Anhalt) 1142m
184: Fichtelberg (Sachsen) 1213m
183: Zugspitze (Bayern) 2960m 
172: Wasserkuppe (Hessen) 921m

169: Grosser Arber (Bayern) 1437m
165: Feldberg/Schwarzwald (Baden-W.) 1486m
163: Hochwald (Sachsen) 749m
161: Hohenpeissenberg (Bayern) 977m
161: Weinbiet (Rheinland-Pfalz)  553m

154: Hiddensee-Dornbusch (Mecklenburg-Vorpommern) 72m
150: Eppendorf/Sachsen (Sachsen) 450m

148: Bad Liebenwerda (Brandenburg) 88m
146: Berlin-Adlershof (Berlin) 40m
144: Altenberg/Erzgebirge (Sachsen) 750m
144: Artern (Thüringen) 164m
144: Duesseldorf (Nordrhein-Westfalen) 45m
143: Helgoland-Oberland (Schleswig-Holstein) 53m

141: Borkum (Niedersachsen) 10m
141: Kiel/Leuchtturm (Schleswig-Holstein) 5m
141: Schleiz (Thüringen) 501m

137: Ansbach (Bayern) 490m
137: Chieming (Bayern) 549m
137: Schmücke (Thüringen) 937m
137: Wernigerode (Sachsen-Anhalt) 234m
137: Zinnwald-Georgenfeld (Sachsen) 877m

133: Chemnitz (Sachsen) 418m
133: Flensburg (Schleswig-Holstein) 27m

...

...

131: Berlin-Wannsee (Berlin) 32m
131: Elstra (Sachsen) 230m
131: Oberhof (Thüringen) 780m
131: Torgau (Sachsen) 85m
131: Winterberg (Hochsauerland) (Nordrhein-Westfalen) 688m

130: Carlsfeld (Sachsen) 898m
130: Kabelsketal (Sachsen-Anhalt) 142m
130: Köln/Bonn-Flughafen (Nordrhein-Westfalen) 91m
128: Regensburg (Bayern) 406m
126: Berlin-Dahlem (Berlin) 51m
126: Cottbus (Brandenburg) 69m
126: LT Alte Weser (Niedersachsen) 32m
126: Osnabrueck (Niedersachsen) 95m

124: Coswig (Sachsen) 104m

124: Ehrenfriedersdorf (Sachsen) 600m
124: Hartha (Tharandt) (Sachsen) 353m

122: Berlin-Tempelhof (Berlin) 50m
122: Dresden-Flughafen (Sachsen) 230m
122: Giessen (Hessen) 205m
122: Görlitz (Sachsen) 237m
122: Münster (Nordrhein-Westfalen) 62m
122: Warnemuende (Mecklenburg-Vorpommern) 4m

122: Wuerzburg (Bayern) 268m

119: Berlin-Tegel (Berlin) 37m
119: Karlsruhe (Baden-W.) 116m

119: Lichtenhain-Mittelndorf (Sachsen) 300m

119: Usedom (Stadt) (Mecklenburg-Vorpommern) 3m
119: Weimar(Thüringen) 264m


 

Folgend noch eine separate Betrachtung des Bundeslandes Sachsen. Auf folgenden Abbildungen wird einerseits die Böenverteilung (mit Messbeispielen) als auch der angerichtete Forstschaden verdeutlicht. Dabei wurden die Schadholzmengen nicht auf die Forstreviere, sondern zur besseren Orientierung auf die Landkreise bezogen. Als Rohdaten wurden dabei einerseits die maximalen Windgeschwindigkeiten als auch die Informationskarten des sächischen Fortsamtes zugrunde gelegt sowie natürlich eigene Beobachtungen.

 

 

 

Orkanböen

 

 

 

Forstschäden in Sachsen (hier bei Freiberg)

 

Gerade an der Skizze mit den Schadholzmengen wird deutlich, das vor allem die Erzgebirgskreise hart getroffen wurden. Dort wurden speziell in den Kammlagen und an exponierten, aber flachen Süd-/ Südwesthängen schwere Forstschäden von T3 (nach Torroskala), teils T4, verursacht (gebietsweise Flächenschäden). Die typischen Nordosthänge kamen mit meist "nur" T1-Schäden noch recht glimpflich davon. Schwer getroffen wurden aber auch die Wälder im flacheren Erzgebirgsvorland. Auch hier sind teils ganze Wälder zerstört wurden, beispielsweise im Bereich des Freiberger Stadtwaldes. In Sachsen hat Kyrill die schlimmsten Forstschäden seit mind. 50 Jahren verursacht. Man geht hier von etwa 1,8 Millionen Kubikmetern Bruchholz aus (Stand 3.3.08) -allein im Forstrevier Eibenstock (Westerzgebirge) sind nach den aktuellsten Erhebungen vom 3.3.08 360.000 Festmeter zu Bruch gegangen. Hätte es wie in NRW oder in Teilen des Thüringer Waldes noch längere Zeit stark geregnet, wären die Schäden sicherlich noch bedeutend höher ausgefallen. Was zu guter letzt noch einem Lob bedarf, waren die sehr guten und frühzeitigen Warnungen des Deutschen Wetterdienstes und der Unwetterzentrale. In ganz Deutschland gab es eine Unwetterwarnung vor orkanartigen Böen oder Orkanböen, in den Lagen oberhalb von 400-600 m eine Unwetterwarnung vor extremen Orkan über 140 km/h. Beim Vergleich mit den tatsächlichen Böen-Werten und den verursachten Schäden waren diese Warnungen auf jeden Fall gerechtfertigt.

 

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© Michel Oelschlägel

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Datum: 23. Juni 2017

                  

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