Heftige Superzelle am 30.05.2017 im Bereich Kassel - Querfurt - Leipzig - Grimma

 

Am 29. und 30. Mai bildeten sich in Teilen Deutschlands heftige Gewitter. Grund war das Tief Gerhard, welches mit seiner Warmfront heiße Luftmassen nach Mitteleuropa advehierte und am 30. mit seiner Kaltfront wieder verdrängte. Dabei wurden am 29. Höchstwerte von über 33 Grad und am 30. Mai über 31 Grad gemessen. Teils wurden dabei neue Rekorde aufgestellt.


Am 29. und in der Nacht zum 30. Mai verlagerte sich eine Konvergenz von Westen Richtung Osten. Dabei wurden einzelne sehr starke Gewitter ausgelöst, die mit Hagel bis 4 cm einhergingen. Weiterhin trat bei Duisburg in der Nacht sogar eine Superzelle auf, welche >5 cm große Körner produzierte und erhebliche Schäden anrichtete. Ein Aktivitätsgebiet verlagerte sich dabei über Hamburg nach Mecklenburg, während ein 2. Gebiet über Baden-Württemberg entstanden war und Richtung Sachsen und Thüringen zog.


Letzteres erreichte unter Abschwächung am Vormittag Sachsen. Outflowbedingt wurden dabei Richtung Döbeln und Riesa neue Gewitter ausgelöst, welche mit heftigem Starkregen, lokal auch mal kleinem Hagel einhergingen. Diese Zellen wanderten später unter Verstärkung Richtung Polen weiter, während Sachsen noch vom auslaufenden Gewittersystem überquert wurde. Das passierte mit Regen und starkem Wind, wodurch auch einzelne neue Zellen immer wieder ausgelöst wurden. Erst am Nachmittag zog das System langsam ab und machte wieder Platz für ungehinderte Einstrahlung. Dennoch waren die Gewitterbedingungen vor allem in Thüringen optimaler, da es dort bereits eher wieder aufgelockert hatte und dort am Nachmittag auch wieder Temperaturen von bis zu 31 Grad erreicht wurden.


Parallel zu dieser Entwicklung zogen am Vormittag und gegen Mittag die Gewitter von Hamburg Richtung Osten weiter. Dabei entwickelte sich eine Gewitterlinie, welche von Mecklenburg bis in den Berliner Raum reichte. Heftiger Sturm und Starkregen begleitete die Gewitterpassage im Nordosten, Feuerwehren waren wegen Wasser- und Sturmschäden im Einsatz. Südlich an der Linie trat bei Berlin auch Hagel von 3-4 cm Durchmesser auf, wodurch Schäden an Autos und einigen Welldächern entstand. In Berlin gab es ebenfalls einen Downburst mit Sturmschäden und Wassermassen.


Die Kaltfront von Tief Gerhard formierte aber noch eine 2. signifikante Gewitterwelle, welche vor allem in der Mitte Deutschlands weitaus stärker ausfallen sollte als die ersten Systeme. Gegen Mittag bildeten sich in Hessen heftige Zellen an der Kaltfront, welche sich teilweise zu Superzellen organisieren konnten. Eine dieser Zellen entwickelte sich gegen 13 Uhr bei Kassel und zog nachfolgend langsam ostwärts in die nach dem ersten System mittlerweile wieder aufgeheizte heiße Luft in Thüringen und im Süden Sachsen-Anhalts. Aus dieser Zelle entwickelte sich nachfolgend die stärkste Zelle des Tages an der Kaltfront.


Während sich die Gewitterlinie in Hessen entwickelte, verlegte ich von Sachsen nach Halle an die A38. Dort angekommen staunte ich nicht schlecht, denn auf dem Radar hatte sich derweil eine starke Superzelle entwickelt. Diese zog nun - gegen 15:30 Uhr - langsam an Mühlhausen in Nordthüringen vorbei Richtung Querfurt. Dabei traten an dieser Zelle Hagel von 5-6 cm Durchmesser und teils schwerer Sturm auf. Es gab zudem Hageldecken und massive Schäden an Autos, Häusern und in der Landwirtschaft. Ich fuhr der Zelle Richtung Querfurt entgegen und stationierte mich südlich der Stadt. Derweil hatte sich eine weitere Zelle vor der eigentlichen Superzelle gebildet, in welche die Mühlhausener Superzelle hineinlief. Beide Zellen vereinigten sich vor Querfurt und das neue System zog mit einem neuen Zellzyklus Richtung Osten weiter. Der dynamische Zellaufzug war gut von Querfurt aus zu beobachten. Kurz vor meinen Standort wurde der Niederschlagsbereich deutlich türkisgrün und ich wurde gegen 16:20 vom Starkregen verschluckt. Dabei verlegte ich nun im Gewitterkern Richtung Nebra.

 

Aufziehende Superzelle bei Querfurt...

 

 

Immer wieder gibt es kräftige Entladungen...

 

 

Die Zelle zieht die Feuchtigkeit aus dem Niederschlagsbereich zurück in den Aufwind...

 

Eine sogenannte Tailcloud entsteht unter dem Aufwindbereich der Superzelle...

 

Türkisfärbung des Niederschlagskernes...


Der Core des Gewitters war beeindruckend. Ständig flackerte es im Starkregen, teils gab es heftige Erdentladungen. Laut Blitzerfassung von Kachelmannwetter.com lag die Blitzrate der Zelle bei 40-60 Blitzen pro Minute, teils auch bei >90 Entladungen pro Minute. Allerdings waren es dennoch vorrangig Wolkenblitze, von denen man bei Tageslicht nur einen kleinen Teil überhaupt wahrnehmen konnte. Vor Reinsdorf bei Nebra gab es nun extrem heftigen Starkregen, der kurz darauf in einen Downburst überging. Schwerer Sturm, ev. orkanartige Böen um 100 km/h und extremer Niederschlag sowie zeitweise Hagel bis um 2 cm Durchmesser gingen hier nieder. Bei Reinsdorf ließ der Niederschlag anschließend langsam nach, bevor nochmals Hagelschlag mit Korngrößen von bis zu 2 cm im Durchmesser einsetzte. Danach zog das Unwetter langsam Richtung Osten weiter.

 

Heftiger Starkregen auf dem Weg nach Nebra...

 

Einsetzender Downburst bei Reinsdorf mit Böen um 100 km/h und Hagel bis um 2 cm im Durchmesser...

 

 

 

 

 

Rückseitig fällt nach dem Downburst bei Reinsdorf nochmals Hagel bis 2 cm im Durchmesser...

 


Überall sah man abgebrochene Äste, vereinzelt auch umgestürzte Bäume. In Reinsdorf hat es - wie ich später erfahren habe - auch ein Dach abgedeckt. Zudem machten die Wassermassen Probleme. Schlammlawinen schossen von den Feldern und überfluteten Straßen und Häuser. Knapp südlich von Reinsdorf wurde der Nebraer Ortsteil Zingst schwer getroffen. Dort gab es bereits durch die Unwetterlage am 19.5. erhebliche Schäden.

 

Einer von mehreren Sturmschäden in Reinsdorf...

 

Die Felder stehen unter Wasser...

 

Zwischen Reinsdorf und Karsdorf - Schlammlawinen...

 

 

 

Rückseitig gibt es immer wieder kräftige Erdentladungen...


Ich verlegte weiter Richtung Steigra und von dort nach Jüdendorf, Langeneichstädt und Mücheln. Überall gab es ein ähnliches Bild aus Sturmschäden und Schlammlawinen sowie Überflutungen. In Langeneichstädt kam ich nochmal dem Kern des Unwetters sehr nahe und es gab Hagel bis 2 cm im Durchmesser. Kurz nachdem ich den Ort durchquert hatte, wurde dieser von einer Schlammlawine getroffen. In Mücheln war dann auch für mich Schluss, da es hier erhebliche Überflutungen gab. Zudem war dort zuvor Hagel von 2-3 cm Durchmesser gefallen. Ich musste schließlich umdrehen und über Merseburg Richtung A38 fahren.

 

Zwischen Steigra und Jüdendorf...

 

 

 

In Jüdendorf...

 

 

Richtung Langeneichstädt - auch hier bilden sich erhebliche Schlammlawinen...

 

Überflutungen in Mücheln...

 

Bei Mücheln fiel während des Gewitters auch Hagel von 2-3 cm Durchmesser...


Die Superzelle zog derweil Richtung Leipzig weiter, während sich südlich eine Neubildung entwickelte und diese sich mit dem Hauptteil der Zelle vereinigte. Die Superzelle zog anschließend weiter Richtung Grimma. Auch im Nordteil Richtung Torgau entwickelte sich in der Gewitterlinie noch ein starker Kern. Die Superzelle verursachte zuvor vor allem im südlichen Leipzig erhebliche Probleme. Downbursts und Hagel bis 2 cm führten zu Sturmschäden und Überflutungen. Am Cospudener See wurde Boote bei Windgeschwindigkeiten um 100 km/h losgerissen. Es entstanden erhebliche Sachschäden. Weiter südlich trat auch Hagel von 2-3 cm auf, wobei es vereinzelt auch Hagel von 3-4 cm gegeben haben soll. Ich fuhr der Superzelle nun auf der A38 hinterher und holte sie am Dreieck Parthenaue ein. Die Blitzrate war beeindruckend hoch und der Niederschlagskern auffallend grünlich. Richtung Grimma und weiter nach Döbeln kam ich erneut in den Gewitterkern. Es gab wieder schweren Sturm und extremen Starkregen, teils kleinkörnigen Hagel. Bei Grimma lagen 2 Baumkronen auf dem Standstreifen. Erst Richtung Döbeln kam ich langsam aus dem System heraus auf dessen Vorderseite.

 

Fahrt auf der A38 Richtung Dreieck Parthenaue der Superzelle hinterher...

 

 

Deutliche Grünfärbung des Niederschlagsbereiches...

 

Auf der A14 geht es weiter Richtung Grimma...

 

Gewaltige Blitzentladungen gibt es teilweise...

 

Downburst bei Grimma und weiter Richtung Döbeln

 

 

Zwischen Döbeln und Nossen: Zellvorderseite der Zelle, welche sich mittlweile zu einem großen Bow-Echo umwandelt...


Mittlerweile - es war gegen 19 Uhr - entwickelte sich aus der Superzelle und der nördlichen Zelle ein Bow-Echo, welches später noch bis nach Polen zog. Ich brach nun bei Nossen die Dokumentation ab. Aus Grimma wurden derweil zahlreiche Feuerwehreinsätze durch die Zelle gemeldet, vor allem Sturmschäden. Auch im weiteren Durchzugsgebiet des Bow-Echos traten Sturmschäden auf, beispielsweise um Riesa und Meißen herum oder nördlich von Dresden.


Auch Rückseitig der Gewitterline mit der dokumentierten Superzelle entwickelten sich immer noch einige heftige Gewitter, darunter auch eine heftige Zelle bei Halle, welche dort nachfolgend noch Überflutungen und kleinen Hagel verursachte. Erst im Laufe des Abends ließ die Gewitteraktivität langsam nach und kühlere Luft floss ein.

 

Hier nun noch das Video zum Chasingbericht:

 

(externer Link: https://www.youtube.com/watch?v=i6icEAP8TkU)


Die Superzelle verursachte Millionenschäden im gesamten Durchzugsgebiet. War es anfangs in Nordthüringen Hagel von 4-6 cm Durchmesser und teils schwerer Sturm, welcher Schäden an Autos und Häusern sowie Feldern anrichtete, so waren es dann ab Querfurt mit dem 2. Zyklus der Zelle vor allem Downbursts, während der Hagel meist unter 3 cm blieb. Überflutungen, Schlammlawinen, umgestürzte Bäume und abgebrochene Äste führten zu Dauereinsätzen der Feuerwehren bis weit nach Sachsen hinein. Auch Gebiete, die durch die Unwetter am 19.5. bereits hart getroffen wurden, waren diesmal wieder betroffen. Bei Kassel war zudem durch diese Zelle ein Tornado aufgetreten, der aber wohl keine nennenswerten Schäden verursacht hat. Es war die 2. schwere Unwetterlage in Mitteldeutschland im Mai 2017.


Die Superzelle zeigte im Dopplerradar (siehe www.kachelmannwetter.com) die ganze Zeit über - von Kassel in Hessen bis nach Döbeln in Sachsen - ausgeprägte Rotation und lässt sich damit eindeutig als solche bestätigen.


© Michel Oelschlägel

Datum: 21. August 2017

                  

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